„Es ist 13:30 Uhr im Berliner Olympiastadion. Berliner, Brandenburger, Herthaner: Hier kommt unser Team, die Mannschaft von Herthaaa BSC!“ So schwört Fabian von Wachsmann, Stadionsprecher der Alten Dame, normalerweise das weite Rund auf die in wenigen Sekunden beginnende Partie ein. So war es gefühlt immer schon, treue Hertha-Fans können diese Worte im Schlaf mitsprechen. An diesem Sonntag ist alles anders. Von Wachsmann steht zwischen den Trainerbänken, hinter ihm eine große Schar von Mitarbeitenden der Geschäftsstelle. Kurz zuvor lief bereits die Hymne „Nur nach Hause“, die perfekt den Gemütszustand des Vereins und der Fans an diesem Trauertag beschreibt. Denn zu Hause, alleine sein, das wollte von ihnen in diesen Momenten niemand. Wie immer hielten sie ihre Schals in die Höhe, wie immer sangen sie ihr Lied, und doch klang es ganz anders als sonst. Aus dem Gesang, leiser als gewohnt, klang der Schmerz jedes Einzelnen heraus. Als hätte das ganze Stadion einen dicken Kloß im Hals.
Begonnen hatte dieser Tag der Trauer schon deutlich früher. Um 10 Uhr trafen sich Fans, Schätzungen gehen von 7000 Menschen aus, zum Trauermarsch am Theodor-Heuss-Platz in Charlottenburg. Unter die etlichen Hertha-Fans mischten sich auch Offizielle wie Zecke Neuendorf oder Hertha-Profi Fabian Reese. Und dazu auch Fans anderer Vereine. Einige Anhänger von Union Berlin waren mit Mützen oder Schals ihres Klubs, dem Rivalen von Hertha BSC, zugegen. Bayern-Fans waren da, auch angereiste Gäste-Fans aus Düsseldorf. In Stille schob sich der Zug über die Olympische Straße, an der Geschäftsstelle des Klubs vorbei zum Stadion. Gesprochen wurde nur in kleinen Gruppen, große Ansprachen der Fanszene gab es keine. Die bat vorab darum, aus Respekt auf alkoholische Getränke und Pyrotechnik jeglicher Art zu verzichten. Die Trauergemeinde hielt sich daran und erreichte das Olympiastadion in Stille, mit Blick auf das Osttor, an dem ein großes schwarz-weißes Bild vom lächelnden Kay Bernstein die Stadiongänger begrüßte.
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„Du hast uns daran erinnert, warum wir unseren Klub lieben.“
Zurück im Stadion, kurz vor Anpfiff: Das „Nur nach Hause“ ist soeben abgeklungen. Fabian von Wachsmann ergreift das Wort und legt schon mit seinem ersten Satz den Grundstein für diese bewegenden drei Minuten. Drei Minuten, die sich im Stadion wie eine halbe Ewigkeit anfühlen. „Lieber Kay, es bricht uns das Herz“, sagt von Wachsmann. Es ist mucksmäuschenstill unter den 42.000 Zuschauenden. Auch die Auswärtsfans von Fortuna Düsseldorf beweisen in dem Moment Anstand und lassen keinen einzigen Laut ertönen. „Ein anderer Fußball ist möglich“ – mit diesem Banner, das das Wirken von Kay Bernstein und die damit einhergehende deutschlandweite Bestürzung treffend zusammenfasst, drücken sie ihre Solidarität aus.
Fabian von Wachsmann muss während der Rede mehrmals um Fassung ringen. Mit jedem Beben seiner Stimme bricht das blau-weiße Herz ein klein bisschen mehr. „Mit deiner unvergleichlichen positiven Energie hast du unserem Verein seine wahre Identität zurückgegeben. Du hast uns daran erinnert, warum wir unseren Klub lieben.“ In der Ostkurve fließen Tränen, das Schluchzen etlicher Fans ist zu hören. Viele von ihnen blicken auch Richtung Ehrentribüne. Dort hatte Kay Bernstein immer gesessen. Zwischen den ganzen edlen schwarzen Mänteln, den aalglatten Anzugträgern stach seine blau-weiße Trainingsjacke stets heraus. Egal, von wo aus im Stadion man dort hinblickte, Bernstein war immer zu sehen – allgegenwärtig. Nun sitzt er dort nicht mehr.
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Und doch schimmert es auf seinem Platz blau und weiß. Der Verein hat seine ikonische Trainingsjacke über die Lehne seines Stammplatz gestriffen. Blumen, ein Foto und das Megafon aus seiner aktiven Fanzeit schmücken den Sitz. Irgendwie ist er also doch anwesend – allgegenwärtiger denn je. „Du hast uns einen Berliner Weg in die Zukunft gezeigt, an den wir alle glauben und den wir nun ohne dich weitergehen müssen.“ In den kurzen Pausen zwischen den Sätzen hört man den Wind leise durch das Olympiastadion pfeifen. Es braucht keinen Beifall, keinen Gesang, um in diesem Moment zu bemerken, dass Bernstein diesen Klub wirklich geeint hat.