Alte Besen grätschen gut – 11FREUNDE

Die Ver­tei­diger, die ver­ehren sie ja — Ach­tung, Fuß­ball­kli­schee — in Ita­lien. Die Kunst, das eigene Tor mit allen zur Ver­fü­gung ste­henden Mit­teln zu ver­tei­digen, ist dort viel­leicht so ange­sehen wie nir­gendwo sonst. Dort, im euro­päi­schen Süden, gab es bei der AC Mai­land eine lange Reihe an Abwehr­spie­lern von Welt­klas­se­format: Franco Baresi, Ales­sandro Nesta und Paolo Mal­dini. Alles ele­gante Defen­siv­künstler, die bis ins hohe Alter den Kasten der Rossoneri beschützten. Im San Siro, dem Wohn­zimmer der AC, war am Diens­tag­abend mal wieder so ein in die Jahre gekom­mener Abwehr­recke her­aus­ra­gender Akteur des Spiels. Allein: Es war kein Ita­liener. Son­dern der Dort­munder Mats Hum­mels.

Der fast 35 Jahre alte Innen­ver­tei­diger lie­ferte gegen die Ita­liener eine Meis­ter­leis­tung ab. Gefühlt befand sich Hum­mels durch­ge­hend im Zustand des Grät­schens. Er ver­brachte einen großen Teil des Spiels damit, über den Rasen des San Siro zu rut­schen, um den Mai­län­dern die Bälle abzu­luchsen. Die geg­ne­ri­schen Offen­siv­spieler ver­zwei­felten ein ums andere Mal an den langen Beinen des Dort­mun­ders. 13 seiner 14 Duelle am Boden gewann er, dazu drei der vier Luft­zwei­kämpfe. Hinzu kommt eine her­aus­ra­gende Pass­quote von 94 Pro­zent. Alles in allem war der Innen­ver­tei­diger der zen­trale Mann beim Sieg des BVB über die AC Mai­land.

Ein wei­terer eben­falls wich­tiger Akteur in dieser Partie war der andere Rou­ti­nier in Schwarz-Gelb, Ex-Kapitän Marco Reus. Nicht nur sein Elf­me­tertor zum 1:0, son­dern auch seine defen­siven Ein­sätze halfen der Mann­schaft enorm. Der frü­here Außen­stürmer hat sich im Laufe seiner inzwi­schen sehr langen Kar­riere immer mehr zum zen­tralen Mit­tel­feld­spieler gemau­sert und arbeitet mitt­ler­weile fleißig gegen den Ball mit. Dass zwei Spieler in ihren Drei­ßi­gern so her­aus­ste­chen, ist unge­wöhn­lich, denn eigent­lich prägte in den letzten Jahren häufig die Jugend den BVB: Ous­mane Dem­bélé, Jadon Sancho, Erling Haa­land, Jude Bel­lingham. Saison für Saison waren Jugend­liche ent­schei­dende Stützen der Mann­schaft. Zur­zeit sieht es anders aus.

Ver­fehlte Trans­fer­po­litik?

Kein Zweifel, die Leis­tung von Mats Hum­mels war her­aus­ra­gend. Es war im Sommer aber ver­mut­lich nicht der Plan der BVB-Oberen, ihn wieder zur wich­tigsten Säule der Mann­schaft zu machen, zumin­dest auf sport­li­cher Ebene. Mit Nico Schlot­ter­beck und Niklas Süle bereits wurde vor ein­ein­halb Jahren die desi­gnierte Stamm­in­nen­ver­tei­di­gung ver­pflichtet. Trotzdem spielt ein fast 35-Jäh­riger die größte Rolle auf dieser Posi­tion. Ein Zei­chen für ver­fehlte Trans­fer­po­litik?

Die Dort­munder Stra­tegie auf dem Spie­ler­markt war in den ver­gan­genen Jahren so klar wie erfolg­reich: Junge Spieler für (ver­gleichs­weise) kleines Geld ein­kaufen, ent­wi­ckeln und ein paar Jahre später für exor­bi­tante Summen nach Eng­land oder Spa­nien wei­ter­ver­kaufen. Zur Zeit gibt es kaum einen Spieler im Kader des BVB, der diesem Profil ent­spricht. Einzig Jamie Bynoe-Git­tens, der in den ver­gan­genen beiden Spielen über­zeugte, könnte ein sol­cher Kan­didat sein. Von einem Level wie Jadon Sancho oder Erling Haa­land es zu Dort­munder Zeiten hatten, ist er aller­dings noch weit ent­fernt. Auch auf­grund von Ver­let­zungen, die ihn aus­bremsten, ist Bynoe-Git­tens erst jetzt in die Start­for­ma­tion gerückt und kam zuvor nur zu spo­ra­di­schen Joker­ein­sätzen.

Eine neue Stra­tegie

Offen­sicht­lich wird die ver­än­derte Aus­rich­tung auch bei einem Blick auf die Kader­ent­wick­lung des BVB. In den ver­gan­genen fünf Jahren ist der Kader­wert um knapp 200 Mil­lionen Euro gesunken, das Durch­schnitts­alter von 23,9 Jahren 2021 auf 25,5 gestiegen. Die beiden größten Kon­kur­renten in Deutsch­land, Bayer Lever­kusen und ein gewisser Dosen­klub aus Sachsen, haben die Schwarz-Gelben in diesen beiden Kate­go­rien inzwi­schen über­holt. Der BVB ist aktuell — ent­gegen dem Selbst­ver­ständnis — wohl eher nicht mehr Nummer zwei, son­dern nur die vierte Kraft in der Bun­des­liga. Ein älterer und damit weniger wert­voller Kader muss zwar nicht unbe­dingt sport­liche Ver­schlech­te­rung bedeuten, mit Blick auf die zukünftig mög­li­chen Trans­fer­er­löse dürfte diese Ent­wick­lung in Dort­mund-Bra­ckel aber für Unruhe sorgen.

Viele Fans stehen dieser neuen Trans­fer­stra­tegie durchaus positiv gegen­über. Lange Jahre wurde die zwar finan­ziell ein­träg­liche, aber sport­lich nur bedingt erfolg­reiche Vor­ge­hens­weise kri­tisch gesehen. Des wei­teren wurde immer wieder moniert, die Spieler würden Verein nur noch als Sprung­brett zu Man­chester United, Real Madrid oder Bar­ce­lona sehen. Eine wirk­liche Iden­ti­fi­ka­tion der Fans mit den jungen Kickern war eher selten. Mit der Ver­pflich­tung gestan­dener Spieler wie Ben­se­baini, Sab­itzer oder Füll­krug oder junger, aber bereits teurer Profis wie Adeyemi oder Schlot­ter­beck sollte sich das ändern. Bloß: Viele Trans­fers zün­deten bisher nicht. Noch schlimmer: Der BVB spielt aktuell den bie­dersten Fuß­ball der jün­geren Ver­eins­ge­schichte. Die ver­än­derte Alters­struktur im Dort­munder Kader hat bisher nicht den erwünschten Umschwung sport­li­cher Natur gesorgt.

Es müssen also erst einmal die alten Recken richten. Kein Experte oder Fan wird nach Spielen wie dem von Hum­mels gegen Mai­land nach Ver­jün­gung schreien. Zudem könnte ein letzter Blick nach Mai­land den Dort­munder Bossen auch Mut machen: Paolo Mal­dini spielte bis ins hohe Alter von 40 Jahren eine wich­tige Rolle bei der AC. Sollte Hum­mels eben­falls so lange auf einem sol­chen Niveau mit­spielen, werden sie sich beim BVB sicher nicht beschweren.

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