Dieser Text erscheint im Rahmen unserer Kooperation mit dem Tagesspiegel.
Am Anfang der vergangenen Saison hat Ensar Aksakal, 21 Jahre alt und in der Jugend des 1. FC Union ausgebildet, seinen bisher größten Tag bei Hertha BSC erlebt: An einem Freitagabend im August war er der Held des Derbys. Des kleinen Derbys in der Regionalliga Nordost. Beim 3:3 gegen Tennis Borussia im Mommsenstadion erzielte der Offensivspieler alle drei Tore für Herthas U 23, den Ausgleich kurz vor Schluss per Fallrückzieher.
Am Dienstagmorgen waren von Aksakal andere Qualitäten gefragt. Da musste als linker Verteidiger aushelfen, auf einer Position, die ihm im Grunde wesensfremd ist. Aber das dürfte er im konkreten Fall gerne in Kauf genommen haben. Weil Ensar Aksakal mit Herthas Profis trainieren durfte.
Weil Cheftrainer Pal Dardai aktuell kein einziger gelernter Linksverteidiger zur Verfügung steht, muss er im Moment ein bisschen improvisieren. Als seine Spieler am Dienstagmorgen das erste Training nach ihrem Urlaub absolvierten, bot der Ungar im abschließenden „Elf gegen elf“ mit Ensar Aksakal und Tony Rölke zwei gelernte Offensivspieler als Linksverteidiger auf.
Viel Zeit bleibt nicht
Dass Spieler aus dem Nachwuchs zu den Profis hochgezogen werden, ist am Beginn der Saisonvorbereitung nicht ungewöhnlich. Direkt nach dem Urlaub fehlen manche Profis noch, weil sie zum Beispiel nach dem eigentlichen Saisonende noch für ihre Nationalmannschaften im Einsatz waren. Im Idealfall nutzen die Talente die Chance, um auf höherer Ebene auf sich aufmerksam zu machen.
„Als ich Trainer war, waren die jungen Spieler im ersten Trainingslager oder im sogenannten Lauftrainingslager immer dabei“, sagt Pal Dardai. Der Ungar ist nicht nur Herthas Ex-Trainer; er ist auch Herthas aktueller Cheftrainer. Trotzdem ist es diesmal anders als in der Vergangenheit. Viel Zeit haben Dardai und Hertha nicht, bis die Zweite Liga am letzten Juli-Wochenende in ihre neue Saison startet. Ein Lauftrainingslager gibt es daher diesmal nicht.
Das heißt allerdings nicht, dass die jungen Spieler in diesem Sommer keine Gelegenheit bekommen, sich zu präsentieren. Beim ersten Training nach dem Urlaub standen am Dienstag 23 Spieler (davon drei Torhüter) auf dem Platz. Mehr als die Hälfte davon, zwölf nämlich, sind von Hertha selbst ausgebildet worden. Und Ibrahim Maza (angeschlagen) sowie die beiden U‑21-Nationalspieler Jessic Ngankam und Marton Dardai fehlten sogar noch.
Dardai ist Jugendversteher und Talentförderer
An Talenten mangelt es bei Hertha nicht, trotzdem könne man in der Zweiten Liga keine Elf, bestehend ausschließlich aus Jugendspielern, aufbieten, sagt Pal Dardai. Dazu seien sie noch nicht konstant genug. „Aber wenn ein Trainer mit Mut und guten Augen das steuert, kannst du froh sein.“ Ein Trainer wie Pal Dardai eben.
Seitdem der Ungar im April auf den Posten des Cheftrainers zurückgekehrt ist, hat er sich sehr offensiv als Jugendversteher und Talentförderer positioniert. Das Thema liegt ihm am Herzen. Und es ist auch dem Verein wichtig – zum Teil aus finanzieller Not, zum Teil aus echter Überzeugung.
Dardai kann als Referenz auf sich selbst verweisen. 2015, in seiner ersten Saisonvorbereitung als Cheftrainer, nahm er Florian Kohls, Shawn Kauter und Maximilian Mittelstädt mit ins Lauftrainingslager nach Bad Saarow. Im Jahr darauf waren es sogar sechs Talente, die erstmals Profiluft schnuppern durften: Arne Maier, Florian Baak, Nikos Zografakis, Panzu Ernesto, Julius Kade und Palko Dardai.