„Da kommen die saufenden, randalierenden Idioten" – 11FREUNDE

Sven Freese, in einem Satz: Wie fällt Ihre Bilanz als einer von fünf Abtei­lungs­lei­tern des ​HSV Sup­porters Club“ nach 30 Jahren aktiver Arbeit aus?
Positiv. Auch wenn im großen Fuß­ball­ge­schäft in dieser Zeit einige Dinge in die fal­sche Rich­tung laufen, konnten wir beim HSV wich­tige Erfolge im Sinne unserer Mit­glieder feiern, und uns als laute Stimme für die Rechte und Inter­essen von Fans eta­blieren.

In wel­chen Punkten hat der ​Sup­porters Club“ Vor­bild­funk­tion für andere Fan­or­ga­ni­sa­tionen und die Struktur von Ver­einen?
Es war sicher Pio­nier­ar­beit, als Fan­or­ga­ni­sa­tion nicht von außen neben dem Verein her­zu­fliegen, son­dern in den Verein rein­zu­gehen. Die ideelle Bedeu­tung, die wir Fans für unseren Verein haben, sollte sich in den Struk­turen wider­spie­geln.

Drei High­lights der Fan­ar­beit aus 30 Jahren, die auch fuß­ball­fernen Men­schen erklären, was die Arbeit des Sup­porters Club“ so außer­ge­wöhn­lich macht?
Wenn man die West­kurve 1993 mit der Nord­tri­büne 2023 ver­gleicht, sticht sicher ins Auge, dass wir es geschafft haben offenen Ras­sismus und Frem­den­feind­lich­keit aus dem Sta­dion zu drängen. Ein Ergebnis jahr­zehn­te­langer harter Arbeit vieler Men­schen im SC. Heute ist nicht alles per­fekt, aber doch deut­lich besser als damals. Ein wei­terer Erfolg sind die Steh­plätze. Ohne die Inter­ven­tion des ​SC“ beim Neubau des Volks­park­sta­dions hätten wir heute ein reines Sitz­platz­sta­dion. Daran muss ich jedes Mal denken, wenn ich unsere Nord­tri­büne sehe.

Und das dritte?
Last but not least: das ehren­amt­liche Enga­ge­ment. Der ​SC“ funk­tio­niert nur, weil viele hun­dert Men­schen ihn in ehren­amt­li­cher Arbeit am Leben halten. Mitt­ler­weile sind drei Gene­ra­tionen mit ihm auf­ge­wachsen und haben über die Arbeit im ​SC“ gelernt, was es heißt, sich ehren­amt­lich ein­zu­bringen, Dinge anzu­pa­cken. Überall wird geklagt, dass sich zu wenig Men­schen enga­gieren, aber wenn wir bei­spiels­weise einen Son­derzug machen, dann sitzen 25 junge Men­schen einen ganzen Tag zusammen und schmieren Bröt­chen. Das ist nicht selbst­ver­ständ­lich und sicher einer unserer größten Erfolge über­haupt!

Uns geht es nicht um Titel“

Wenn Sie zurück­bli­cken: Welche Periode stellte die Fan-Ver­ei­ni­gung vor die größten Her­aus­for­de­rungen?
Die Aus­glie­de­rung 2014. Da zer­riss es den ​Sup­porters Club“ fast ent­lang der Dis­kus­sionen rund um ​HSV Plus“. Es ist unseren Vor­gän­gern zu ver­danken, dass daran nicht der gesamte ​SC“ zer­brach.

Wie haben sich die zen­tralen Themen im Ver­laufe der Zeit im ​SC“ ver­än­dert? Oder anders: Was waren die zen­tralen Anliegen der Sup­porters 1993 und welche sind es heute?
Bei Grün­dung 1993 kannten sich noch alle Mit­glieder, das war natür­lich etwas kom­plett anderes als heute. Da ging es um das Abspre­chen gemein­samer Besuche bei den Ama­teuren, Fahrten und vor allem Infor­ma­tionen. Das Internet gab es noch nicht in der heu­tigen Form und so konnte selbst ein Aus­wärts­spiel in Gel­sen­kir­chen zum Aben­teuer werden: Welche Bahn nehmen wir? Wo trifft man sich in der Stadt? Wie geht es zurück? Heute hat das jeder Fan in wenigen Minuten auf dem Handy und kriegt sogar eine Mail vom Verein dazu. Ent­spre­chend weniger geht es heute um das Ver­mit­teln von Infos, son­dern eher um das Lob­by­ieren von Fan­inter­essen, denn mit bald 70.000 Mit­glie­dern haben wir ein ziem­li­ches Gewicht im Verein.

Wel­cher Vor­stand respek­tive welche Prä­si­dent­schaft hat es dem ​Sup­porters Club” im Laufe der Zeit am schwersten gemacht?
Das kenne ich selbst eher anek­do­ten­haft. Natür­lich war gerade zu Beginn einiges an Über­zeu­gungs­ar­beit in den Chef­etagen zu leisten. Unter den Ver­ant­wort­li­chen im Verein und den Gre­mien gab es die Befürch­tung: Da kommen jetzt die sau­fenden, ran­da­lie­renden Idioten aus der Kurve und wollen unseren Verein kaputt machen. Mitt­ler­weile ist ver­standen worden, dass es auch in der Kurve intel­li­gente, zivi­li­sierte Men­schen gibt, denen es um den Verein geht. Und um nichts anderes.

Der HSV ist ein chro­nisch ner­vöser Klub. Selbst in diesen sport­lich erfolg­rei­chen Zeiten gibt es Rän­ke­spiele in der Füh­rung. Wie kann der ​SC“ als eigen­stän­dige Abtei­lung im Verein dem ent­ge­gen­wirken?
Wir ver­stehen den ​SC“ nicht als poli­ti­schen Spieler im Verein. Davon gibt es schon genug. Wir mischen uns nicht gerne in sport­liche Ent­schei­dungen oder das Per­so­nal­ka­rus­sell ein. Wir wirken erst dann ent­gegen und posi­tio­nieren uns deut­lich, wenn es um die grund­sätz­li­chen Werte des Ver­eins und sein Wohl­ergehen geht. Wenn wir das Gefühl haben, dass jemand die eigenen Inter­essen über die des Ver­eins stellt und diesem damit schadet, dann treten wir dem ent­gegen. Aktuell ist das zum Glück nicht nötig, da wir einen guten Draht in die Füh­rung haben und im andau­ernden Gespräch das Beste für unsere Mit­glieder zu errei­chen ver­su­chen.

Imago1022676547h

Sven Freese, 45, ist seit 1994 Mit­glied des Ham­burger SV. Von 2002 bis 2017 war er für den HSV tätig – unter anderem als Fan­be­auf­tragter. Im HSV Sup­porters Club ist er Teil der fünf­köp­figen Abtei­lungs­lei­tung gemeinsam mit Chris­tian Bie­ber­stein, Kimi Bar­ce­lona, Pascal Har­gens und Simon Phil­ipps. Seit 2020 ist Freese Mar­ke­ting­leiter eines IT-Unter­neh­mens.

imago images

Aber trägt Ihre Orga­ni­sa­tion nicht auch mit­unter dazu bei, dass der Verein nicht zur Ruhe kommt?
Es ist ein Trug­schluss zu glauben, dass ein Verein wie der HSV über­haupt zur Ruhe kommen kann. Ein Verein dieser Größe, der für hun­dert­tau­sende Men­schen eine emo­tio­nale Bedeu­tung hat, wird nie­mals ruhig sein. Mir ist kein ver­gleich­barer Verein bekannt, der ruhig ist. Und das ist auch nicht schlimm. Wäre doch schreck­lich, wenn es in einem Verein mit bald 100.000 Mit­glie­dern keine Dis­kus­sionen gäbe. Wichtig ist für mich eher, dass Unruhe nicht um der Unruhe willen ent­steht, son­dern dass wir positiv kon­struktiv mit Mei­nungs­ver­schie­den­heiten umgehen.

Der HSV hat es in den dreißig Jahren Eures Bestehens nicht geschafft, einen ein­zigen Titel zu gewinnen. Den­noch ist der Zuspruch zum ​SC“ stetig stei­gend. Wie lässt sich das erklären?
Es geht uns halt nicht um Titel. Ganz ein­fach. Es geht uns um den Verein, die Gemein­schaft, die wir unter der Raute auf­ge­baut haben, um die Freund­schaften und um die gemein­samen emo­tio­nalen Erleb­nisse. Wir spielen im fünften Jahr zweite Liga und die Mit­glieds­zahlen wachsen rasant. Warum? Weil wir einen HSV erleben mit dem sich wieder viele von uns iden­ti­fi­zieren können. Das ist wich­tiger als jeder Titel der Welt.

Wie defi­nieren Sie unter dieser Vor­aus­set­zung Erfolg?
Ich habe selbst noch Titel mit dem HSV erlebt. Das ist das Größte und sport­li­cher Erfolg muss immer das Ziel sein. Aller­dings nicht um jeden Preis. Wir glauben, dass ein Verein mit klarer Hal­tung, Iden­tität und Kultur auf Dauer erfolg­reich sein wird. Noch deut­li­cher: Es ist der ein­zige Weg zum Erfolg. Daran müssen wir beim HSV arbeiten.

You Might Also Like