Der Sitzriese - 11 Dinge über Fußball auf Zypern – 11FREUNDE

1.
»Es gibt keine Kleinen mehr«, redete sich Rudi Völler vor einigen Jahren nach einem Spiel gegen Island in Rage. Die Jour­na­listen guckten etwas ver­wun­dert, doch einem wüüü­ten­denden Ruuudi wollten sie dann lieber nicht wider­spre­chen. Im Zuge dieser Wut­rede wuchsen sie plötz­lich alle, all die Pro­toypen des »Kleinen Geg­ners«, zumin­dest um ein paar Zen­ti­meter. Alba­nien, Geor­gien, Bur­kina Faso, Nepal, Luxem­burg – und natür­lich auch Zypern. Und irgendwie behielt er ja auch recht, der Rudi. Wie immer. Luxem­burg schlug kürz­lich die Schweiz, Zypern konnte 2006 gegen Irland mit 5:2 gewinnen. Im selben Jahr gelang gegen Deutsch­land ein 1:1. Experten behaupten, Zypern wuchs seit 1968 um etwa 17,3 Zen­ti­meter und ist heute Abend zumin­dest: Sitz­riese.

2.
Auch der zyprio­ti­sche Ver­ein­fuß­ball hat keine Lust mehr auf ein Schat­ten­da­sein. Man will nun selbst mal Schatten werfen. Hier und da docken B‑Promis an, C‑Millionäre, nicht mal vom Hand­shake mit Hopp, Al-Fahim oder Abra­mow­tisch bekannt. Doch das ist egal, denn Geld ist Geld und jeder Mil­lionen-Transfer auf Zypern wir­belt den Fuß­ball so durch­ein­ander, wie die erste Ach­ter­bahn­fahrt eines Kindes im Fan­ta­sia­land. Und auch hier schießt Geld natür­lich Tore. Wer­ders Gegner Anor­thosis Fama­gusta fegte in der Qua­li­fi­ka­tion zur Cham­pions League Rapid Wien und Olym­piakos Piräus – letzte Cham­pions-League-Saison zweimal Sieger gegen Werder Bremen – jeweils mit 3:0 aus dem eigenen Sta­dion. Apoel Nikosia, Gegner von Schalke 04, setzte sich in der Qua­li­fi­ka­tion gegen Roter Stern Bel­grad durch.

3.
Auch Rainer Rauff­mann sin­nierte jüngst in einem Inter­view über die neue Qua­lität des zyprio­ti­schen Fuß­balls: »Die Ent­wick­lung im zypri­schen Fuß­ball ist gran­dios«, sagte er und unter­mau­erte seine These selbst­re­fe­ren­ziell: »Als ich vor zehn Jahren herkam, konnte ein Blinder wie ich noch 40 Tore schießen.«

4.
Der »Blinde« spielte in der Bun­des­liga für Ein­tracht Frank­furt und Arminia Bie­le­feld, stieg mit beiden Mann­schaften ab und schoss in zwei Jahren ganze vier Tore. »Mein Name ist kaputt«, wusste Rauff­mann Ende der 90er. Und nie­mand wider­sprach. Rauff­mann wech­selte zu Omonia Nikosia – eigent­lich nur weil ihn »Strand, Sonne und Meer« reizten. Doch dann merkte er plötz­lich, dass er doch ganz gut kicken kann: In seiner ersten Saison traf Rauff­mann 42 Mal, mehr als jeder andere Stürmer in Europa. Der »Gol­dene Schuh« blieb ihm nur auf­grund des nied­rigen Koef­fi­zi­enten der zyprio­ti­schen Liga ver­wehrt. Ins­ge­samt schoss Rauff­mann in 152 Liga­spielen 181 Tore.

5.
Das Rauff­mann-Mär­chen ging 2002 weiter: Der mitt­ler­weile 35-Jäh­rige wurde zyprio­ti­scher Staats­bürger, so dass er wäh­rend der Qua­li­fi­ka­tion zur EM 2004 für die zyprio­ti­sche Natio­nal­mann­schaft auf­laufen durfte – in fünf Spielen schoss Rauff­mann drei Tore. Der »Trellos Ger­manos«, der ver­rückte Deut­sche, wurde her­nach von der pan-zyprio­ti­schen Ver­ei­ni­gung der Profi-Fuß­baller (Pasp) wegen seiner Ver­dienste um den zypri­schen Fuß­ball mit einer Ehren­pla­kette aus­ge­zeichnet: »Rainer hat den zyprio­ti­schen Fuß­baller geehrt, obwohl er für einige von uns ein Gegen­spieler war und uns Sorgen bereitet hat«, sagte Pasp-Prä­si­dent Kostas Malekos bei der Über­gabe. Heute ist Rauff­mann als Sport­di­rektor bei Omonia tätig.

6.

Trotz Rainer Rauff­mann und trotz Völ­lers Ernen­nung zum »nicht-kleinen Gegner« steht Zypern in der Fifa-Welt­rang­liste aktuell nur auf Platz 65 – immerhin zwei Plätze vor der Slo­wakei, sieben Plätze vor Peru und acht Plätze vor WM-Teil­nehmer Costa Rica, aller­dings auch 18 hinter Mali.

7.
Im aktu­ellen Kader von Wer­ders Gegner Anor­thosis Fama­gusta steht neben grie­chi­schen Euro­pa­meis­ters Trai­anos Dellas, dem »Koloss von Rhodos«, auch ein ehe­ma­liger bra­si­lia­ni­scher Natio­nal­spieler: Sávio Bor­to­lini Pimentel spielte von 1994 bis 2000 für die Seleção und erzielte in 44 Län­der­spielen 17 Treffer. Mit Real Madrid gewann Sávio bisher dreimal die Cham­pions League (1998, 2000, 2002).

8.
Neben Savio wird bei Fama­gusta ver­mut­lich der Pole Lukasz Sosin stürmen. Seit 2002 spielt Sosin auf Zypern und wurde für Apollon Lima­ssol und Fama­gusta viermal zypri­scher Tor­schüt­zen­könig.

9.
Anor­thosis Fama­gusta ist eine Mann­schaft im Exil. Nachdem der nörd­liche Teil Zyperns 1974 durch tür­ki­sche Truppen besetzt wurde, sie­delte Wer­ders Gegner nach Lanarka, einer Stadt im grie­chi­schen Teil der Insel, um.

10.
Nicht nur deut­schen Spie­lern schmeckt Zypern wie Zucker­watte auf dem Jahr­markt. Auch Trainer fühlen sich wie auf Bäusch­chen gebettet. Das Rundum­paket von Thomas von Heesen, der kurz vor einer Ver­trags­un­ter­schrift bei Apollon Lima­ssol steht, liest sich so: 80.000 Euro Hand­geld, 10.000 Euro Gehalt netto, eine Woh­nung mit min­des­tens 100 Qua­drat­me­tern. Zudem jähr­lich vier Heim­flüge nach Ham­burg – aller­dings Eco­nomy. Das alles und ver­mut­lich noch viel mehr wissen die rasenden Reporter von »Bild«.

11.
Apollon ist nicht gerade der FC Bayern Zyperns. Dreimal erst wurde der Klub Meister, zuletzt 2006 unter der Füh­rung von Bernd Stange. In der jet­zigen Saison steht der Verein auf Platz 12 – von 14. Doch von Heesen scheint gewappnet: »Ich bin hier, um Apollon mit harter Arbeit dazu zu ver­helfen, die Nummer eins im Lande zu werden«, erklärte er. Klingt nach Felix Magath anno 1999. Und es klingt wie der Anfang einer laaaa­angen Reise. Wann kommt eigent­lich Loddar?

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