Niemand erkennt sie. Weder die musizierenden Akkordeonspieler noch die Männer mit den lustigen Kapitänsmützen, die für ihre Hafenrundfahrten werben. Keiner der Fischbrötchenhändler, kein Tourist. Claudia Effenberg erregt im Hamburger Hafen kein Aufsehen. Das wäre anders, würde ihr Bruder Stefan an den Landungsbrücken entlangschlendern. »Effe«, die Berühmtheit, der dreimalige Deutsche Fußball-Meister und Gewinner der Champions League. Nach ihm würden sich die Leute umdrehen. Aber nach Claudia? Sie ist zwar Bundestrainerin, doch Bundestrainierin der Softballerinnen. Hervorgehoben nur im ganz engen Kreis. So, wie viele andere Bundestrainer, die nicht Löw, Neid, Brand heißen.
Stört sie das? Lächelnd winkt sie ab. Nein, sie persönlich stört das nicht. »Allzu großes Aufsehen um meine Person, das ist nicht mein Ding«, sagt Claudia Effenberg. Den bekannten Nachnamen nutzt die 43-Jährige nur, um für ihren in Deutschland spärlich beachteten Sport zu werben. Es wird geworfen, geschlagen, gefangen und gerannt. Softball – das weibliche Pendant zum Baseball. »Das Spiel ist super vielseitig. Schon als Kinder haben wir mit Stöcken auf Tennisbälle eingedroschen. Dass ich allerdings wirklich einmal in einem Verein spielen würde, hätte ich damals nicht gedacht.«
Spätzünder
Damals, da war Claudia Effenberg noch als Schwimmerin und als Handballerin aktiv. Erst mit 24 Jahren griff sie zum Schläger. »Eigentlich war ich da schon zu alt«, sagt sie lachend. »Aber trotzdem habe ich im Softball alles erreicht.«
Was sie erreicht hat, verrät der Blick auf ihren Schmuck. Ihre Trikotnummer trägt sie als Anhänger um den Hals. Die 13, mit der sie noch immer in der Bundesliga spielt, die sie in der Nationalmannschaft getragen hat und mit der sie an fünf Europameisterschaften teilnahm. Drei weitere Zahlen sind in einem Silberring eingraviert: 1995, 2005 und 2008. Die Jahre, in denen sie mit den Hamburg Knights die Deutsche Meisterschaft gewann. »Ein tolles Gefühl, wenn sich all‘ das Training am Ende der Saison endlich auszahlt.«
Im Juli zur EM
Nun sollen die Erfolge auch als Bundestrainerin folgen. Seit 2006 betreut Effenberg die Nationalmannschaft, mit der sie vom 27. Juli bis zum 2. August bei der EM im spanischen Valencia für Furore sorgen will. »Wir haben den Kader schon sehr früh festgelegt, die Vorbereitung verlief sehr gut. Jetzt müssen die Mädels nur noch daran glauben, dass auch ein Sieg über ein Team wie Russland möglich ist, auch wenn es eines der Top-Teams in unserer Gruppe ist.«
Böser und lieber Coach
Redet Claudia Effenberg über ihr Team, dann spricht sie von »den Mädels«. Alle kennt sie gut. Einige als Mitspielerinnen aus Hamburg, andere als Gegnerinnen aus der Bundesliga. Aus ihnen muss Effenberg daraus eine Einheit formen. Eine Allianz für den Erfolg. Und so kann es auch mal streng zugehen, wenn sie zum Training bittet. Aber: Der Spaß, der soll ebenfalls nicht zu kurz kommen. »Wenn etwas nicht funktioniert, finde ich deutliche Worte. Ein Lob von Zeit zu Zeit ist aber ebenso wichtig. Ich bin beides: böser und lieber Coach.«
Noch gelingt es ihr, alles unter einen Hut zu bringen. Den Beruf als Qualitätsmanagerin eines Vanilleschoten-Importeurs, die Verpflichtungen als Spielerin und ihre Aufgaben als Bundestrainerin. »Wenn ich merke, dass ich als Spielerin keinen Spaß mehr habe oder es körperlich nicht mehr geht, höre ich sofort auf. Irgendwann wird es so sein, dass ich mich voll auf den Trainerjob konzentrieren werde.«
Doch was ist der Nachname nun für sie, dieser Name, der mit einem der großen Schwierigen des Fußballs verbunden wird? Fluch oder Segen? »Die Zeiten, in denen es vom Publikum dumme Sprüche gab, sind glücklicherweise vorbei. Meist fragen die Leute nur: Effenberg? Wie der Fußballer? Ich sag‘ dann nur: Ja, genau so.«