Entorphine – 11FREUNDE

Drei Mit­spieler sprinten auf mich zu. Ein Anderer schüt­telt den Kopf. Der Tor­wart ist sprachlos, als wäre er exma­tri­ku­liert worden. Und unser ein­ziger anwe­sende Fan zieht ungläubig die Augen­brauen hoch. Was war pas­siert? Ich hatte ein Tor geschossen. In einem ​rich­tigen“ Spiel. Zum ersten Mal seit – ich weiß es nicht. Und plötz­lich war mir klar, wo diese unglaub­liche Fuß­ball-Fas­zi­na­tion wohl einmal her­ge­kommen sein muss.

Es ist ja so: Es gibt den rich­tigen Spiel­be­trieb, Hobby-Ligen, offene Ange­bote. Und es gibt die Uni-Liga! Jeden Montag geht an der TU Dort­mund auf dem Kunst­ra­sen­platz das Flut­licht an. Dann spielen dort Teams wie Hansa Sarpei, AS Pirin und Dynamo Tresen auf Halb­feld und mit kleinen Toren. Alle in eigenen Tri­kots. Und eben der KRB Hansa Dort­mund. Mein Verein. Gegründet im Herbst 2019, also für Uni-Ver­hält­nisse schon eine Tra­di­ti­ons­mann­schaft, in der jeder Spieler einen Spitz­namen trägt.

Moto­risch eher rus­tikal

Ich bin Mit­gründer und war des­halb berech­tig­ter­weise Stamm­spieler. Obwohl ich richtig schlecht kicke. Als Kind habe ich zwar lange im Verein gespielt, mit zwölf Jahren aber auf­ge­hört. Aber ein­fach mal eine Runde bolzen? Gerne! Zumal ich beim KRB als Rechts­ver­tei­diger auch nicht viel kaputt gemacht habe. Rennen kann ich ja. Moto­risch gehöre ich aller­dings eher zur rus­ti­ka­leren Sorte.

Die Som­mer­se­mester-Saison lief für unsere Ver­hält­nisse okay, wir waren nicht chan­cenlos. Und eine Vor­lage war mir bereits fast gelungen: Wir liefen Zwei-gegen-Eins auf den Tor­wart zu, ich legte den Ball aber sehr ungenau rüber und klaute ​El Locko“ so das Tor. Sorry nochmal.

Um die Chance auf die Play-Offs zu erhalten, mussten wir also am 30. Mai gegen den direkten Kon­kur­renten Stamm­tisch am Mitt­woch gewinnen. Nach fünf Minuten ​Auf­wärmen“ nahmen wir unsere Tan­nen­baum-For­ma­tion ein. In Best­be­set­zung spielten wir – ja wirk­lich – Fuß­ball. Was aber eher an einem neuen Mit­tel­feld­spieler lag, der ein­fach da war. Irgendwer hatte ihn mit­ge­bracht. Von ihm pro­fi­tierten wir alle. Früh führten wir, da ich Paredes-like in einen Press­schlag ging. Die Kugel lan­dete vor den Füßen von ​Coach“ – und der ver­senkte das Ding mit einem Strahl ins rechte Toreck. ​Wei­ter­ma­chen, wei­ter­ma­chen“, feu­erten wir uns an.

Fas­sungs­lo­sig­keit bei den Mit­spie­lern

Eine Angriffs­welle nach der anderen rollte auf den Stamm­tisch zu. Und auch mich hielt nichts mehr hinten. Denn ich hatte einen Sah­n­etag erwischt: Meine Pässe kamen an, und die Zuspiele auf mich konnte ich aus­nahms­weise mal kon­trol­lieren. Sogar ein paar Flanken lan­deten beim Mit­spieler. Und dann war ich frei durch, die Kugel rollte herr­lich vor mir. Ich setzte alles in den Schuss, und: Bulls-Eye. Ich hatte dem Keeper genau in den Bauch geschossen. Dann wohl diese Saison doch kein Tor.

Nur wenige Minuten später kamen wir über links. Ich sah in der Mitte einen freien Raum, pirschte mich hinein. Genau dahin kam ein strammer, fla­cher Ball, mit den Zehen änderte ich minimal seine Rich­tung. Und die Kugel lan­dete in den Maschen. Auto­ma­tisch ballten sich die Hände zur Faust. Ich wusste nicht wohin mit mir. Am liebsten wäre ich dreimal ums Feld gerannt. Endor­phine durch­strömten mich. Dann sah ich meine Mit­spieler. Fas­sungslos. Kopf­schüt­telnd. Dass ich je ein Tor schieße, damit hatte keiner gerechnet. Ich auch nicht. Wie gut sich das anfühlt…

Tim Momentdes Jahres 2874

Nach dem Spiel: Gegner ​scouten“ und die wohl­ver­diente Beloh­nung.

Nick Kas­pers

Das ein­zige Uni­liga-Tor im Leben

Der ​Sport­di­rektor“ schrieb zu jedem Spiel einen akku­raten Bericht und fasste die Situa­tion tref­fend zusammen: ​High­light des Tages war aber das Tor von Tim. Nach einer strammen Her­ein­gabe in die Mitte erhöhte er nach feinem Laufweg in Lewan­dowski-Manier auf 2:0 und erzielte sein erstes Uni­li­gator.“ Das auch das ein­zige meiner Uni-Liga-Kar­riere bleiben wird, weil ich dort nicht mehr wohne.

Nach dem Sei­ten­wechsel ließen die Kräfte nach und wir fokus­sierten uns auf unsere Kern­kom­pe­tenz: Zeit­spiel mit einer 2:0‑Führung im Rücken. Wenn der Ball ins Aus geht, dann aber bitte bis in die Bäume. Es gab näm­lich nur zwei Bälle. So holten wir locker den Sieg. Und hatten uns das Sieg-Dosen­bier ver­dient. Ungläubig kam mir ein Gedanke: Ich hatte wirk­lich ver­gessen, wie gut es sich anfühlt, ein Tor zu schießen.

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