„Es ist leicht konsumierbar geworden“

Joa­chim Eybe, wie sah die HSV-Kurve in den sieb­ziger und acht­ziger Jahren aus?

Joa­chim Eybe: Die Hier­ar­chien waren klar defi­niert und viel deut­li­cher aus­ge­prägt als heute. Als kleine Kutte hatte man am Rand zu stehen. So erging es auch mir. Nach und nach ver­suchte ich mich dann ins Innere des Block E (Fan­block im alten Volks­park­sta­dion d. Red.) rein­zu­drü­cken.

Wie lange dau­erten diese Ter­ri­to­ri­al­kämpfe?

Joa­chim Eybe: Die gingen manchmal über Jahre. Man musste auch ein wenig Glück haben. An einem Tag lern­test du den großen Bruder von dem Freund deines Fuß­ball­trai­ners kennen – und dann stellte sich heraus, dass der mit­ten­drin stand. Schon war man selbst einen Schritt weiter im Block.

Wie ist es heute?

Joa­chim Eybe: Ganz über­spitzt: Heute geht man mit 13 Jahren erst­mals zum HSV, nach einer Woche lernt man die heu­tigen Ultras, die Chosen Few oder Pop­town, kennen. Nach zwei Wochen tritt man der Gruppe bei, nach drei Wochen glaubt man den Kutten und Alt­fans erzählen zu können, was Tra­di­tion bedeutet. Ich mag das nicht. Es geht ein­fach alles viel zu schnell.

Keine Erschei­nung der Ultra-Bewe­gung.

Joa­chim Eybe: Absolut nicht. Das zieht sich durch die gesamte Fuß­ball­kultur. Man muss sich heute ein­fach um nichts mehr küm­mern. Früher mussten wir uns nicht nur den Platz im Block erkämpfen, wir mussten uns alles erar­beiten. Alleine eine Aus­wärts­fahrt bedeu­tete ein großes Aben­teuer: Wie komme ich hin, wo ist das Sta­dion, an wen muss ich mich halten? Oder die Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung und die Ver­net­zung der Szenen über Fan­zines. Heute wird dir alles abge­nommen. Es ist leicht kon­su­mierbar geworden.

Wie sup­porten Sie heute im Sta­dion?

Joa­chim Eybe: Ich bin Freund der bri­ti­schen Fan­kultur, wäh­rend eines Spiels gehen meine Emo­tionen in 23 ver­schie­dene Rich­tungen. Das muss ich auch auf meine Art aus­leben können. Meine Kum­pels und ich können mit den Dau­er­sup­port der Ultras nichts anfangen. Es gab in der Ver­gan­gen­heit auch häu­figer Situa­tionen, wo einige um mich herum sagten: ​Die nerven.“

Was stört die Leute denn?

Joa­chim Eybe: Ein Bei­spiel aus dem Jahr 2009: Nachdem diverse Leute aus der CFHH (Chosen Few, d. Red.) Scheiße gebaut hatten und von der Polizei fest­ge­nommen wurden, orga­ni­sierte die Gruppe einen Stim­mungs­boy­kott beim Spiel gegen Schalke. Der Rest der Kurve war ziem­lich auf­ge­bracht gegen die Gruppe. In der Halb­zeit ver­teilten sie dann Flyer, die diesen Boy­kott erklärten. Ich finde, dass sie sich mit sol­chen Aktionen selbst über­höhen. Wer Scheiße baut, soll dafür gerade stehen. Und in diesem Fall hatten Leute vorher tat­säch­lich Scheiße gebaut oder hatten es zumin­dest vor…

Wie ist denn Ihr Ver­hältnis zu Johannes Liebnau, dem Vor­sänger der Nord­tri­büne?

Joa­chim Eybe: Ich habe kein Pro­blem mit ihm. Er ist ein netter Kerl. Trotzdem kann ich sagen, dass ich mit seinem Sing­sang-Sup­port nichts anfangen kann. Früher habe ich ihm wäh­rend der Spiele auch SMS-Nach­richten geschickt, die er dann auch mal in der Gruppe rum­ge­zeigt hat. Nach dem Motto: Guckt mal, was der Eybe wieder für ​ne Scheiße schreibt.

Johannes Liebnau kan­di­dierte 2009 ohne Erfolg für den HSV-Auf­sichtsrat. Hätten Sie seine Wahl begrüßt?

Joa­chim Eybe: Ich habe Jojo damals nicht gewählt, seine Mit­streiter auch nicht. Ein­fach, weil ich nicht den Ein­druck hatte, dass die ​Block­wahl“ die dama­lige Situa­tion hätte zwin­gend ver­bes­sern können. Ich hielt das Vor­gehen damals auch für falsch. Es ging da viel um Macht und Abnei­gung gegen Bernd Hoff­mann. Den­noch wäre seine Wahl zumin­dest ein Zei­chen gewesen, dass man im Verein Leute haben will, die lange und vor allem kon­stant dabei sind. Schlimmer finde ich es, wenn sich Kan­di­daten vor sol­chen Wahlen als ​Schon-immer-dabei-gewe­sene“ insze­nieren. Man­fred Ertel etwa erzählte mehr­fach, dass er mit dem HSV schon überall war und die größte Fahne im Block hatte. Komisch, dass ich ihn aus­wärts in den Acht­zi­gern und Neun­zi­gern nie gesehen habe, und gerade in den Acht­zi­gern war der Aus­wärts-Anhang des HSV ja mit­unter sehr über­schaubar. Außerdem hatte nach­weis­lich ein Fan die größte Fahne, der weder Man­fred noch Ertel hieß.

Können Sie denn mit Fuß­ball­kritik was anfangen?

Joa­chim Eybe: Oft sind Capos eher Fan-Poli­tiker, es geht ihnen immer ein Stück weit auch um Macht. Das wider­strebt einigen Alt­fans. Aller­dings ist die Szene nicht so zer­stritten, wie sie gerne dar­ge­stellt wird. Zum Bei­spiel erin­nere ich mich an Aus­wärts­fahrten, bei denen Jojo (Liebnau, d. Red.) durch den Zug gegangen ist und unsere Shirts ver­kauft hat. 

Kann man den Ultras nicht zugute halten, dass Sie die Inter­essen der Kurve ver­treten und eine Öffent­lich­keit für Fan­themen geschaffen haben?

Joa­chim Eybe: Ich kann mit Fans, die per­ma­nent Ver­eins­po­litik betreiben wollen und ständig diverse Fan­themen zu ihrem ein­zigen Auf­trag machen, oft nichts anfangen. Klar, es gibt wich­tige Themen, aber bei einigen Leuten hat man den Ein­druck, dass das Fan­sein eine schwere Bürde ist. Die lassen auch meist keine anderen Mei­nungen zu. Bei diesen Leuten ver­misse ich den Spaß, der beim Fuß­ball dazu­ge­hören sollte.

Sie waren Ende der acht­ziger Jahre auch Teil einer Ultra-Gruppe.

Joa­chim Eybe: Aber das hatte mit Fuß­ball­kritik oder Ver­eins­po­litik nichts zu tun. Wir waren ein bunter Haufen aus Hools und Bom­ber­ja­cken, ziem­lich harte Szene. Damals schwappten zur WM 1990 diverse TV-Berichte über die ita­lie­ni­sche Ultra-Kultur nach Deutsch­land. Das fanden wir cool. Typen, die ihre Mann­schaft hart sup­port­eten, aber auch auf der Straße ihren Mann standen. Eine Mischung aus der heu­tigen Ultra-Szene und bri­ti­schen Hools. Wir nannten uns also Ham­burg Ultras und ver­standen uns als spaß­ori­en­tierte Kra­wall­truppe, die auch Lust am Fuß­ball und Singen hatte.

In der West­kurve gab es aller­dings schon eine Art Capo.

Joa­chim Eybe: Ja, den Grie­chen. Er ist Anfang der Neun­ziger gele­gent­lich auf den Zaun geklet­tert und hat den Block mit einem Tam­burin ani­miert. Meist war das aber eher rhyth­mi­sches Klat­schen. Irgend­wann ver­schwand er wieder. Es gab auch davor immer wieder Aktionen von ver­schie­denen Fans, die ver­suchten, die Stim­mung anzu­heizen.

Mit Erfolg?

Joa­chim Eybe: Früher sind Leute Wel­len­bre­cher geklet­tert und haben ver­sucht Lieder anzu­stimmen. Oft war die Reso­nanz ernüch­ternd, wenn aber alle mit­ge­macht haben, war es schon geil. Die Kra­xelei lohnte in jedem Fall, denn der Aus­blick von dort oben war ein­fach super. Gar nicht so gut war aller­dings, dass ich beim Lan­des­meister-Halb­fi­nale gegen Real Sociedad im Alter von 14 Jahren auf dem Wel­len­bre­cher stand und mich eine TV-Kamera ein­fing. Das Pro­blem: Ich durfte eigent­lich gar nicht in den Block E gehen, wegen der vielen Unglücks­fälle beim Fuß­ball sorgte sich mein Vater um mich. Ich glaube aber, dass er mich nicht gesehen hat.

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Joa­chim Eybe ist seit Ende der sieb­ziger Jahre HSV-Fan. Er war Teil der Ham­burg Ultras und ist heute Mit­be­treiber des Fuß­ball­mode-Labels ​1887 Street­wear“: 1887​-shop​.de.

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