Vitaly Janelt sitzt im Schein eines roten Lichts auf einem schwarzen Stuhl und trägt ein kurzärmliges Trainingsoutfit. Ob er den Vitaly-Gesang kenne, wird der 24-Jährige in einem YouTube-Format des Vereins-TVs gefragt. „Natürlich kenne ich den“, sagt er lachend und begibt sich etwas schüchtern auf die Suche nach Text und Melodie. Die Tonfolge könnte er sicher noch etwas intensiver studieren, aber im zweiten Anlauf findet er zumindest die korrekten Worte: „He comes from Germany and now he is a Bee!“
The Bees, das ist der Spitzname der Mannschaft des FC Brentford, in Anlehnung an die Biene im Zentrum des Wappens, das in Großformat auf der Wand hinter Janelts Stuhl prangt. Dass dem gebürtigen Hamburger ein persönlicher Fangesang gewidmet wurde, ist eine Würdigung für seinen rasanten und unerwarteten Aufstieg. In Bochumer Zweitligazeiten pendelte er zwischen Rasen und Ersatzbank, in der Premier League ist er Leistungsträger. Doch wie landete der Mittelfeldmann auf der Insel? Und warum eigentlich Brentford?
„Obwohl wir von ihm überzeugt waren, hat niemand eine solche Leistung von Vitaly erwartet“, sagte Brentfords Sportdirektor Rasmus Ankersen in 11FREUNDE #240. Bei seinem Wechsel nach Westlondon ein Jahr zuvor schien es in der Tat nicht sonderlich wahrscheinlich, dass der frühere Bochumer einen elementaren Anteil am Aufstieg in die stärkste Liga der Welt haben und sich dann mit den Bees dort erfolgreich behaupten würde. Denn Vitaly Janelts sportliche Geschichte vor Oktober 2020 war alles andere als eine Erfolgsstory.
Der FC Brentford ist in die Premier League aufgestiegen, ganz ohne reichen Oligarchen. Ein modernes Fußballmärchen mit dänischem Vorbild und einem Bochumer Bankdrücker.
Ein bitterer Fehltritt
Im Alter von 15 Jahren, damals noch im Nachwuchsleistungszentrum des Hamburger SV, formulierte er gegenüber dem Hamburger Abendblatt den Wunsch, irgendwann in England zu spielen. Drei Jahre später, im Herbst 2016, war er von diesem Ziel weiter denn je entfernt. Auf einer Reise mit der U19-Nationalelf in Albanien soll er im Hotelzimmer beim Shisha-Rauchen ein Loch in den Teppich gebrannt haben und wurde in der Folge sowohl vom DFB als auch von seinem Verein (mittlerweile RB Leipzig) aussortiert. Bitter für den 18-Jährigen: Während er auf eigene Kosten vom Nationalteam nach Hause geschickt wurde, reiste die Mannschaft weiter nach Dublin zum Spiel gegen Irland. Ist zwar nicht ganz England, aber die grobe Richtung hätte für Janelt schon mal gestimmt.
Über Bochum nach Brentford
Anfang 2017 war seine nächste Station der VfL Bochum, wo er über die Rolle des Ergänzungsspielers besonders in den ersten zweieinhalb Jahren nicht hinauskam (insgesamt 17 Mal Startelf). Während seiner letzten Bochumer Spielzeit kam er häufiger zum Zuge, durfte immerhin in 19 Partien beginnen, wurde aber nie zur wertvollen Stammkraft. Das sollte sich bei den Bees in Brentford ändern. Denn das dänische Duo aus Sportdirektor Ankersen und Trainer Thomas Frank sah trotzdem Potenzial in Vitaly Janelt, das sich in Bochum nie richtig hatte entfalten können.
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Sie überzeugten ihn mit der brentford’schen Informations-Offensive: Zeigten ihm Wertschätzung durch Unmengen gesammelter Daten, kommunizierten genau, was sie sich von ihm wünschten und was ihn in Brentford erwarten würde. Zudem brauchte Janelt „einfach was Neues“. Für etwa 700 000 Euro verließ er also im Oktober 2020 den VfL und wagte den Schritt auf die Insel. Seinem Jugendtraum, in den ehrwürdigen Stadien der Premier League zu kicken, war er nun so nahe wie nie zuvor. Denn der FC Brentford hatte im Sommer gerade erst um Haaresbreite den Aufstieg in die höchste englische Spielklasse verpasst.
Aufstieg und Doppelpack
Eine glückliche Fügung ergab sich für den damals 22 Jahre alten Janelt gleich zu Beginn: Der gesetzte defensive Mittelfeldmann Christian Nörgaard fiel mehrere Monate lang verletzt aus. Der Ex-Bochumer bekam seine Chance, stieg mit Brentford auf und stand dabei in 41 Partien auf dem Feld, davon 36 Mal in der Startelf. Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung blickt er nach vorn, wo sein Traum von der Premier League in greifbare Nähe rückt: „Jetzt spiele ich gegen Chelsea, Liverpool und City.“
Mit einem 2:0‑Erfolg gegen den FC Arsenal meldeten sich die Bees um Vitaly Janelt nach 74 Jahren Abstinenz zurück in der ersten Liga. Am 02. April 2022 verlängerte er seinen Vertrag vorzeitig bis 2026, um am Tag darauf an der Stamford Bridge mit einem Doppelpack entscheidend zum 4:1‑Triumph gegen den FC Chelsea beizutragen. „Vielleicht habe ich den neuen Vertrag ein paar Tage zu früh unterschrieben“, scherzte er nach Abpfiff auf dem YouTube-Kanal seines Klubs.
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Starke Daten, starker Marktwert
Der Doppelpack gegen Chelsea ist bis dato einzigartig für ihn. Seine Kernkompetenzen beschränken sich nämlich eigentlich auf Abräumarbeiten und die Ballverteilung vor der Abwehrreihe. Im Vergleich mit den stärksten Mittelfeldakteuren der Liga steht er vor allem bei der Anzahl der Tacklings sehr gut da: Daten von fbref.com zufolge kam Vitaly Janelt in seiner ersten Premier League-Saison bei ähnlich vielen Spielminuten auf mehr Zweikämpfe im defensiven Drittel als Fabinho vom FC Liverpool. Auch mit Chelseas N’Golo Kanté kann er Schritt halten in dieser Kategorie, die elementar für die giftige Abwehrarbeit unter Coach Frank ist.
Janelt rangiert mit seinem Team in der laufenden Spielzeit auf Tabellenplatz neun, zwei Punkte hinter dem FC Liverpool, den man am vergangenen Montag mit 3:1 bezwingen konnte. Janelts Marktwert beziffert transfermarkt.de mittlerweile auf rund 16 Millionen Euro. Nicht schlecht für einen, der seine Karriere vor ein paar Jahren noch wegen einer Wasserpfeife aufs Spiel setzte.