Geld vom Sheriff - Mit der Europa League ans Ende der Welt – 11FREUNDE

Mol­da­wien können die meisten Leute auf der Land­karte noch unge­fähr orten. Irgendwo öst­lich von Rumä­nien. Bei Trans­nis­trien wird es schon ein biss­chen schwie­riger. Ach, das ist ein Land? Ja, zwar ein nicht sou­ve­räner Staat, aber seit 1992 haben sich die gut 550.000 Trans­nis­trier von Mol­da­wien los­ge­sagt. Der öst­liche Teil Mol­da­wiens hat damit auch eine Haupt­stadt. Und die heißt Tiraspol. Der dort behei­ma­tete FC She­riff Tiraspol darf nun schon das zweite Mal in Folge durch Europa reisen.

In der Europa League tritt der mol­da­wi­sche Meister für das erste Grup­pen­spiel beim AZ Alk­maar in Hol­land an. Zuvor war die Mann­schaft in der Qua­li­fi­ka­tion zur Cham­pions League am FC Basel geschei­tert. Zusammen mit BATE Borissow aus Belarus und Dynamo Kiew finden sich die Spieler von Tiraspol neben den Hol­län­dern mit ihren eins­tigen Satel­li­ten­brü­dern aus Sowjet­zeiten in einer Gruppe.

Der FC She­riff Tiraspol ist einer der eher unbe­kannten Seri­en­meister in Europa. Seit zehn Jahren können sich die Spieler des Ver­eins eigent­lich nur selber schlagen. Auf den Pokal und die Meis­ter­schaft hat Tiraspol seit dem Auf­stieg ein Dau­erabo. In einer Liga mit Teams aus ganz Mol­da­wien – gespielt wird in der »Divizia Națio­nală« – ist es die zweit­größte Stadt Mol­da­wiens nach der Haupt­stadt Chi­sinau, in der Erfolge im natio­nalen Fuß­ball gefeiert werden. Obwohl Trans­nis­trien und Mol­da­wien sym­bo­lisch durch eine Grenze am Dnjestr-Fluss getrennt sind, stellen sie eine gemein­same Natio­nal­mann­schaft.

Samba-Kicker in Fernost

Im 2002 gebauten hoch­mo­dernen Sta­dion von Tiraspol haben 14.300 Zuschauer Platz. Der Geld­geber hinter dem Verein prangt in großen Buch­staben auf der Haupt­tri­büne. Denn ohne den Kon­zern She­riff würde es ver­mut­lich auch keinen Erfolg im Fuß­ball, ja viel­leicht gar keinen Fuß­ball in der Stadt, geben. Der Kon­zern unter­hält in ganz Trans­nis­trien Tank­stellen, Super­märkte, Tele­fon­netze und das Kabel­fern­sehen. Angeb­lich sind die beiden Fir­men­gründer von She­riff ehe­ma­lige KGB-Agenten. Ein Hauch von Schmugg­ler­mi­lieu weht mit, wenn der Kon­zern in aus­län­di­schen Medien beschrieben wird. 

Die Region gilt bei Beob­ach­tern als beliebter Auf­ent­haltsort von Waffen‑, Drogen- und Men­schen­händ­lern. Der Fuß­ball­klub fragt nicht zu viel, erfreut sich lieber an der hoch­mo­dernen Infra­struktur seines Ver­eins­ge­ländes, das um die 200 Mil­lionen Dollar gekostet haben soll. Angeb­lich steht der Kon­zern auch dem Prä­si­denten sehr nahe. Die Unter­nehmer tun diese Gerüchte als mol­da­wi­sche Pro­pa­ganda ab.

Als der Verein noch ohne große finan­zi­elle Mittel in der dritten Liga kickte und noch Tiras Tiraspol hieß, star­tete der Mega­kon­zern sein Enga­ge­ment im Fuß­ball. Mitt­ler­weile besteht die Mann­schaft aus einem Waren­korb voller inter­na­tio­naler Spieler. Elf ver­schie­dene Nationen sind im Team ver­treten, dar­unter drei Bra­si­lianer, zwei Spieler aus Bur­kina Faso und ein Stürmer aus dem Senegal.

Anschluss an den Westen

Nicht nur sport­lich sucht die Sepa­ra­tis­ten­re­pu­blik den Weg aus der Unbe­kannt­heit und Iso­lie­rung. 2002 hat die 17.000-Einwohnerstadt Eilen­burg in Sachsen eine Städ­te­part­ner­schaft mit Tiraspol geschlossen. Der Lions Club in Eilen­burg ist samt Bür­ger­meister in die mol­da­wi­sche Pro­vinz gereist, um mit dem Prä­si­denten von Trans­nis­trien, Igor Smirnow, und den Mit­glie­dern des neu gegrün­deten trans­nis­tri­schen Lions Clubs Hände zu schüt­teln. Somit ist Trans­nis­trien das 188. Mit­glied des Lions Clubs geworden. Ein Land, dessen Unab­hän­gig­keit von anderen Staaten nie offi­ziell aner­kannt wurde.

In Anwe­sen­heit des Bür­ger­meis­ters wurde bei seinem Besuch fei­er­lich das »Café Eilen­burg« eröffnet. Inzwi­schen hat sich die säch­si­sche Stadt von allzu nahen Bezie­hungen mit den Nach­barn aus dem Osten wieder zurück­ge­zogen. Zu heikel scheint die poli­ti­sche Situa­tion in Trans­nis­trien, zu fremd und kor­rupt erscheint die Welt öst­lich des Dnjestr-Flusses.

Messen mit den Großen

Ihren sport­li­chen Weg setzt die Mann­schaft von She­riff Tiraspol indes unge­stört weiter. Beson­ders stolz sind die Ver­ant­wort­li­chen auf den Gewinn des GUS Pokals. 2003 und 2009 konnte Tiraspol sich gegen die anderen ehe­ma­ligen Sowjet­re­pu­bliken durch­setzen und damit die Vor­herr­schaft als Moment­auf­nahme im Osten Europas genießen. Wo sich nach dem Ende des Kalten Krieges meist Ver­eine aus Moskau oder Kiew die Siege zwi­schen sich auf­teilten, konnte das kleine Tiraspol zumin­dest sport­lich mit seinen großen Nach­barn mit­halten. Die Bestre­bungen des Prä­si­denten, sich von Mol­da­wien abzu­spalten und an Russ­land anzu­nä­hern, könnten damit noch mehr Gehör finden. In der Europa League tauchte der Name Tiraspol das erste Mal in der ver­gan­genen Saison auf. Aller­dings schied das Team nach der Grup­pen­phase aus. Dieses Jahr soll sich das ändern. Einer der neuen Mit­tel­feld­spieler aus Mon­te­negro, Bako Nikolic, ist fest von der Qua­lität seines neuen Arbeit­ge­bers über­zeugt: »She­riff hat sich in euro­päi­schen Wett­be­werben bisher gut geschlagen und sich auf Augen­höhe mit großen euro­päi­schen Teams in der Europa League gemessen.«

Bei She­riff spielt Nikolic in Zukuft auch mit Wascha Tarch­ni­schwili. Als mitt­ler­weile 39-jäh­riger Abwehr­spieler hat der als einer der wenigen Ver­eins­treuen den Auf­stieg von Tiraspol zum Maß der Dinge im mol­da­wi­schen Fuß­ball mit ermög­licht. Seit 1999 spielt er für den Verein. Zehn Mal hat er seitdem mit Tiraspol die mol­da­wi­sche Meis­ter­schaft gefeiert – und ist damit allei­niger Rekord­halter in Trans­nis­trien.

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