„Ich habe aus Fehlern gelernt“

Roberto Hil­bert, seit drei Monaten leben Sie in Istanbul. Wie geht es Ihnen?
 
Wenn ich die Stadt mit einem Wort beschreiben müsste, würde ich sagen, es ist impulsiv. Und das bezieht sich sowohl auf den Fuß­ball als auch auf das Leben. Ich mag das sehr.

 
Sie haben einmal gesagt, dass Sie und Ihre Familie sehr welt­offen seien. Welche Bilder hatten Sie vor Ihrem Wechsel von Istanbul?
 
Ich war recht unvor­ein­ge­nommen, als ich mich erst­mals mit meinem Berater unter­hielt, der sich sehr gut mit dem tür­ki­schen Fuß­ball aus­kennt und eigent­lich nur Gutes zu erzählen wusste. Auch die Gespräche mit meinen deut­schen Mit­spie­lern Michael Fink und Fabian Ernst waren sehr ergiebig und positiv.
 
Gehen solche Gespräche über den Fuß­ball hinaus?
 
Klar, denn so neu­gierig und offen ich neuen Fuß­bal­l­er­fah­rungen und Kul­turen gegen­über­stehe, so sehr möchte ich auch die Sicher­heit haben, dass es meiner Familie gut geht. Da infor­miert man sich also auch über ver­meint­lich banale Dinge: Die Büro­kratie im Land, den Ver­kehr in der Stadt, die deut­schen Schulen für die Kinder.
 
Gibt es denn mit Fabian Ernst, Michael Fink und Roberto Hil­bert nun eine deut­sche Clique bei Bes­iktas?
 
Es ist nicht so, dass wir nur zusammen rum­hängen. Gerade als Neuer sollte man sich stets offen und inter­es­siert zeigen. Daher lerne ich mit einem Pri­vat­lehrer auch die tür­ki­sche Sprache. Das ist mir wichtig. Doch zwei­fels­ohne ist es schön, Lands­leute im Team zu haben – alleine für das Hei­mat­ge­fühl.
 
Haben Sie einen Lieb­lingsort in der Stadt?
 
Ich bin gerne in Ortaköy. Auch Taksim gefällt mir, dort hat Ekrem Dag, ein Mit­spieler von mir, eine richtig gute Eis­diele. Das Eis schmeckt super. Doch am schönsten ist es immer noch zu Hause. (lacht)
 
Wenn Sie auf die ersten Monate zurück­bli­cken: Können Sie bereits ein Zwi­schen­fazit ziehen?
 
Anfangs wurde ich zu meiner Freude sehr fei­er­lich emp­fangen. Als ich aber schon nach dem ersten Spiel in der Euro-League-Qua­li­fi­ka­tion als Fehl­ein­kauf in der Presse galt und angeb­lich auf der Abschuss­liste stand, war ich ande­rer­seits sehr ver­dutzt. Das ging ja schnell, dachte ich nur.
 
Hin­ter­fragt man in sol­chen Momenten das ganze Vor­haben?
 
Nein, denn ich wusste, dass der Trainer und Verein von mir über­zeugt sind. Zugleich merkte ich dann vor Ort, was Fabian Ernst und Michael Fink meinten, als sie von einer anderen Fuß­ball­fas­zi­na­tion spra­chen. Das meine ich nicht wer­tend, doch es ist so, dass es in Istanbul über zwölf Tages­zei­tungen gibt, die rand­voll mit Fuß­ball­themen sind. Jede dieser Zei­tungen widmet alleine den drei großen Klubs eine kom­plette Seite – und die muss ja auch erst einmal gefüllt werden.
 
Im zweiten Europa-League-Spiel machten Sie Ihr erstes Tor für Bes­iktas. Auf einmal waren Sie der Held vom Bos­porus? 

 
So schnell ging es auch nicht. (lacht) Das Tor war zum einen sehr gut für mein Selbst­ver­trauen. Außerdem war es wichtig, um den Fans in diesem bro­delnden Hexen­kessel Inönü-Sta­dion zu zeigen: Hier bin ich, und ich kann Fuß­ball spielen.
 
Die Bilder, die vom tür­ki­schen Fuß­ball nach Deutsch­land schwappen, zeigen oft­mals einen sehr starken Fana­tismus der Anhänger. Wie ist es tat­säch­lich? Wie bewegt man sich als Spieler eines großen Istan­buler Klubs in der Stadt?
 
Wenn Sie meinen, dass man sich als als Spieler eines großen Istan­buler Klubs nicht auf die Straßen trauen kann, weil man befürchten muss, von riva­li­sie­renden Fan­gruppen ange­griffen zu werden, ist das ein Zerr­bild. Ich habe jeden­falls noch nie die Erfah­rung gemacht, dass mich ein Fener- oder ein Gala-Fan bepö­belte. Im Gegen­teil: Oft­mals muss ich auch mit den Anhän­gern der anderen Klubs für Fotos posieren.

Bes­iktas hat dieses Jahr ein rich­tiges Star­ensemble bei­sammen. Spa­niens Guti, die tür­ki­sche Tor­wart­le­gende Rüstü, den Bra­si­lianer Bobo…
 
…den Por­tu­giese Ricardo Qua­resma. Wir spielen auf einem unglaub­lich hohen Niveau. Gut für mich, denn ich kann hier noch viel lernen.
 
Welche Rolle nehmen Sie in dem Gefüge ein? Sind Sie mit Ihrer Erfah­rung bereits Füh­rungs­spieler?
 
Dar­über mache ich mir keine Gedanken. Ich muss erstmal wieder kon­stant meine Leis­tung bringen. Und ich denke, ich bin nach meiner Form­krise in Stutt­gart auf einem guten Weg.

 
Nach der gran­diosen Meis­ter­saison 2007, als Sie zum besten Außen­spieler der Liga gewählt wurde, wollte es in der Bun­des­liga nicht mehr richtig klappen. Woran lag das?
 
Ich hatte mir in der zweiten Cham­pions-League-Partie 2007/08 einen Bän­der­riss zuge­zogen. Vier Wochen später riss das Band im anderen Fuß. Doch ich spielte weiter.
 
Warum?
 
Gute Frage.
 
Eine Fehl­dia­gnose der Ärzte?
 
Ganz und gar nicht. Um in einem Fuß, der nach den Spielen, die Form eines Ten­nis­balls annahm, einen Bän­der­riss zu dia­gnos­ti­zieren, braucht man nicht mal Arzt zu sein. Mich trieb fal­scher Ehr­geiz. Wissen Sie, es ging in jenem Cham­pions-League-Spiel gegen den FC Bar­ce­lona, ich wollte die 90 Minuten unbe­dingt zu Ende spielen, wollte der Mann­schaft helfen. Damals hatten wir beim VfB auch viele Ver­letzte zu beklagen. Ich wollte also auf die Zähne beißen und kurierte eine Ver­let­zung, bei der andere Spieler zwei Monate Reha machen, zehn Tage aus.
 
Die Form­krise war also eine Folge der Ver­let­zung.
 
Nein. Das Form­tief war Teil einer Ver­ket­tung. Dazu gehören auch eigene Fehler. Fehler, die ich mir nicht ein­ge­stehen wollte.
 
Welche waren das?
 
Ich gab fal­sche Inter­views, reagierte in bestimmten Situa­tionen über. Zum Selbst­schutz baute ich einen Panzer um mich. Bestes Bei­spiel war ein Foul in einem Test­spiel im April 2008.
 
Der VfB Stutt­gart spielte damals gegen SKV Rutes­heim, Sie traten Ihrem Gegen­spieler absicht­lich auf die Wade.

 
Das Foul war eine Dumm­heit, ganz klar. Danach berich­tete ein Lokal­re­porter tage­lang davon. Man konnte rich­tig­ge­hend spüren, wie mein bis dato gutes Image von Tag zu Tag zer­stört wurde. Es war keine gute Zeit für mich, ich zog mich weiter zurück und wirkte so auf viele unnahbar. Doch ich habe aus diesen Feh­lern gelernt.
 
Sie ver­passten in der Folge auch die EM 2008. Wie häufig denken Sie heute noch an die Natio­nal­mann­schaft?

 
Jeder Fuß­ball­profi, der auf sehr hohem Niveau spielt, denkt an die Natio­nal­mann­schaft. Doch aktuell kon­zen­triere ich mich auf Bes­iktas.
 
Ruft Jogi Löw denn gele­gent­lich an?
 
Nein.
 
Und die ehe­ma­ligen Stutt­garter Mit­spieler?
 
Das Ver­hältnis ist aus­ge­zeichnet. Mit vielen VfB-Spie­lern tele­fo­niere ich regel­mäßig. Und auch zu Erwin Staudt besteht noch Kon­takt.
 
Wie sieht es mit Horst Held und Chris­tian Gross aus?
 
Auch kein Pro­blem. Ich habe jeden­falls keine ver­brannte Erde hin­ter­lassen. Und auch wenn es mit­unter in den Medien anders zu ver­nehmen war: Chris­tian Gross, Horst Heldt und ich hatten immer ein gutes Ver­hältnis.
 
Wie ist das Ver­hältnis zu Ihrem neuen Trainer Bernd Schuster?
 
Gut. Ehr­lich gesagt: Anfangs war es nicht so ein­fach für mich, ich machte nicht jedes Spiel, auch im Derby gegen Fener­bahce war ich nicht dabei – eine Tat­sache, die bei Bes­iktas auch der Rota­tion geschuldet ist. Doch die letzten fünf Liga­spiele habe ich alle über 90 Minuten bestritten, und ich finde, dass ich größ­ten­teils sehr gute Leis­tungen gebracht habe. Das Ver­trauen des Trai­ners ist jeden­falls da.
 
Wie wirkt Bernd Schuster auf Sie?
 
Er ist ein sehr netter Mann. Zudem ein sehr ruhiger Mensch, der manchmal in sich gekehrt wirkt. Dabei ist er sehr genauer Beob­achter, den eine sehr große Aura umgibt. Alleine, wenn man sich als Spieler ver­ge­gen­wär­tigt, was der Mann alles erreicht hat und wo er trai­niert und gespielt hat.
 
Heute Abend trifft Bes­iktas in der Europa League beim FC Porto an. Das Hin­spiel ging zu Hause 1:3 ver­loren. Woran lag es?

Wir haben in dem Spiel anfangs gut mit­ge­halten, doch Porto machte dann die Tore. Wir ver­kürzten auf 1:2, und dann fiel durch einen Konter das 1:3. Die inter­na­tio­nale Klasse und die Erfah­rung von Porto machte wohl den Unter­schied. Heute Abend läuft es besser – wir dürfen eben nicht wieder ins offene Messer rennen.

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