Fifa-Chef Gianni Infantino hatte Anfang letzter Woche behauptet, eine Weltmeisterschaft im Zwei-Jahres-Zyklus könnte Geflüchtete davon abhalten, nach Europa zu kommen. Nicht erst seit dieser Aussage müsste klar sein, dass die Besserung, die mit dem Positionswechsel von Sepp Blatter zu Infantino vor sechs Jahren, gelobt wurde, ein Bluff war. Transparenz und einen Kurswechsel strebte man an. Etwas mehr zurück zu den Wurzeln des Sports, etwas weniger Hinterzimmer-Mauschelei.
Sechs Jahre ist Infantino jetzt im Amt. Schlimmer als heute war es um das Standing der Fifa nie bestellt. Diktatorische Strukturen, Korruption und eine unendlich erscheinende Kommerzialisierung des Fußballs machen den Weltverband zur Definition des Bösen in der Fußballwelt. Repräsentiert von Gesichtern wie jenem von Gianni Infantino. Dabei ist der 51-Jährige nur die Spitze des Eisbergs, bei Weitem aber nicht der einzige, der das fragwürdige und fallweise skandalöse Bild der Fifa befeuert.
Wie die New York Times in dieser Woche berichtete, hat vor einigen Jahren ein Vorfall sexueller Belästigung in den Reihen des Verbandes stattgefunden, der von der Fifa lange verschwiegen wurde, nun aber an die Öffentlichkeit geraten ist.
Monatelange Belästigungen
So soll der ranghohe Fifa-Funktionär Miguel Macedo eine untergebene Mitarbeiterin sexuell belästigt haben. Macedo ist ein portugiesischer Sportagent, zudem ein enger Vertrauter von Gianni Infantino. Er fungiert an der Schnittstelle zwischen Fifa-Repräsentanten und dem Verband. So betreut er etwa ein Projekt, das sich „Fifa Legends“ nennt, ein Zusammenschluss von ehemaligen Spielern, die heute in Vertreter-Positionen der Fifa tätig sind.
2018 hatte Macedo eine Frau in sein Team geholt, die zuvor in der Rechtsabteilung der Fifa gearbeitet hatte. Umgehend nach ihrem Amtsantritt habe Macedo der 30-Jährigen vermehrt anzügliche Nachrichten geschickt, erzählt sie im Interview mit der New York Times. Er habe sie auf sein Hotelzimmer einladen wollen und sie unsittlich angefasst. Monatelang habe es die Belästigungen gegeben. Macedo habe ihr dabei immer wieder Aufstiegschancen in Aussicht gestellt.
Nach der Frauen-Weltmeisterschaft 2019 dann, die sexuellen Belästigungen seitens Macedo hatten einen Peak erreicht, wandte sich die Frau an Sarai Bareman, Leiterin der Frauenfußballabteilung bei der Fifa. Zusammen mit einer Anwältin richtete sich die Anklägerin schließlich an den Personalchef der Fifa, der eine interne Untersuchung in Auftrag gab. Diese bestätigten den Vorfall. Der Vorwurf der sexuellen Belästigung gegen Miguel Macedo war dem Weltverband somit bereits seit 2019 bekannt, öffentlich wurde er erst jetzt.
Macedo wurde wohl nie belangt
Beinahe zeitgleich musste sich die Fifa seinerzeit öffentlich gegen Vorwürfe wehren, Spielerinnen würden vermehrt sexuellen Missbrauch durch einflussreiche Männer erfahren. Bei der Frauen-WM sei es zu derartigen Vorfällen gekommen. Der Weltverband verkündete daraufhin, er verfolge „eine Null-Toleranz-Politik bei Menschenrechtsverletzungen und verurteilt alle Formen geschlechtsspezifischer Gewalt unmissverständlich“.
Im Februar 2020 bekam die Anklägerin schließlich den Bescheid, ihrer Beschwerde gegenüber Macedo werde stattgegeben, sodass ein Verfahren eingeleitet werden könne. Laut Schreiben der Fifa betraf der Vorwurf der sexuellen Belästigung allerdings nur eine einzige Bemerkung von Macedo. Sämtliche Handlungen, seine Aufdringlichkeit, die Textnachrichten und der Vorwurf, dass er die Frau angefasst haben soll, waren nicht Gegenstand der Untersuchung. Man versicherte ihr jedoch, dass Macedo mit einer Strafe zu rechnen habe.
Auf Nachfrage ihrerseits, wie der Fifa-Offizielle denn nun bestraft worden sei, gab es bis heute keine Antwort. „Ich habe das Gefühl, dass ich wirklich nichts erreicht habe, ich habe viel umsonst gekämpft. Ich weiß, dass er darüber lacht.“
Die Fifa schweigt
Externe Ermittler legten noch eine weitere Beschwerde offen. Im Februar 2021 gab eine junge Frau aus einem Komitee zur Klub-WM in Katar zu Protokoll, ihr Chef, Miguel Macedo, habe auch sie übergriffig angefasst. Danach kam es zu der Forderung katarischer Funktionäre, Macedo nicht mehr für Anliegen in Katar abzustellen. Das lehnte die Fifa ab, versicherte aber, Macedo sei ob des Vorfalls verwarnt worden.
Die Frau, die von Macedo monatelang belästigt wurde, arbeitet inzwischen nicht mehr für den Verband. Die Fifa übrigens reagierte weder auf ihre Anfragen noch auf die Konfrontation der New York Times.