Mein Freund, der Baum, ist tot

1.
In ein Finale zu gehen und dabei zu wissen, dass man so gut wie unfähig ist, ein Tor zu schießen – das ist in etwa so mutig, als über­fiele man mit einer unge­la­denen Was­ser­pis­tole eine Bank. Hut ab, liebe Ran­gers!

2.
Da auch Zenit zunächst nicht viel zu Stande brachte, herrschte in der ersten Halb­zeit die­selbe Stim­mung wie in fol­gender Kür­zest­ge­schichte des Peters­burger Dich­ters Daniil Charms:

»Da ging einmal ein Mensch ins Büro und traf unter­wegs einen anderen Men­schen, der soeben ein fran­zö­si­sches Weiß­brot gekauft hatte und sich auf dem Heimweg befand. Das ist eigent­lich alles.«

3.
Und so hielt man sich einzig und allein an der Vor­freude darauf fest, dass Zenit-Coach Dick Advo­caat ein­ge­blendet würde und man sich an seiner frap­pie­renden Ähn­lich­keit zu Simpsons-Bür­ger­meister Quimby ergötzen könnte.

4.
Sogar noch öder ging es in der Halb­zeit­pause zu. Pre­miere-Experte Lothar Mat­thäus durfte zum wie­der­holten Male von seiner Fuß­ball­lehrer-Aus­bil­dung berichten, die er kürz­lich abge­schlossen hat. Auch der Ver­such, das Gefasel emo­tional auf­zu­werten, schei­terte kläg­lich: Er sei, so Mat­thäus, »stolz, aber auch ein biss­chen zufrieden.«

5.
Trotz des schu­li­schen Erfolgs des Rekord­na­tio­nal­spie­lers wollte Mode­rator Dieter Nickles ihn wohl nicht gleich mit der Rea­lität über­for­dern. Als gleich drei Zenit-Angriffe hin­ter­ein­ander gezeigt wurden, stellte er eine Ein­stiegs­frage, die viel­leicht sogar wir hätten beant­worten können: »Wollten die Peters­burger von Anfang an Druck auf­bauen?«

6.
Zum Glück ist die UEFA-Cup-Saison nun vorbei. Denn andern­falls wären wir wohl noch Zeugen geworden, wie Mat­thäus sein Zeugnis mit­bringt und Mode­rator Dieter Nickles ihm für die Beur­tei­lung »Im Zah­len­be­reich von 1 bis 10 kann Lothar schon sicher rechnen« eine 2‑Euro-Münze ins Jackett schiebt.

7.
Das 1:0 für Zenit stürzte Kom­men­tator Fritz von Thurn und Taxis in ein stin­kendes Bad gomorrhi­scher Visionen. Mit Blick auf die Glasgow-Fans dräute ihm: »Hof­fent­lich schlagen sie jetzt nicht alles kurz und klein.«

8.
Unge­rührt, ja scheinbar erstarrt ver­folgte UEFA-Prä­si­dent Michel Pla­tini dieses erste und dann auch das zweite Tor für Sankt Peters­burg. Fritz von Thurn und Taxis machte den­noch eine Mus­kel­zu­ckung beim Fran­zosen aus und deu­tete sie sogleich: »Sehen Sie, er bereitet sich schon auf die Sie­ger­eh­rung vor!« Nein, danke, das hatten wir nicht gesehen.

9.
»Es ist vorbei, Barry Fer­guson«
, raunte von Thurn und Taxis dem Ran­gers-Kapitän nach Abfiff durch den Äther zu. Das wusste der Gemeinte selbst nur allzu gut. Und doch stellt sich dieser Satz in eine Reihe mit den größten Mene­te­keln, die deut­sche Kultur her­vor­ge­bracht hat: »Mein Freund, der Baum, ist tot« (Alex­andra), »Der Tag, als Conny Kramer starb« (Juliane Wer­ding) und auch »Karl, der Käfer, wurde nicht gefragt« (Gän­se­haut).



10.

Einmal von der Muse geküsst, schwelgte von Thurn und Taxis hem­mungslos weiter. »Oooooh«, schnaubte er, als wäh­rend der Ehren­runde eine volks­tüm­liche Kom­po­si­tion erklang, »da kommt Melan­cholie auf, bei diesen rus­si­schen Weisen.«

11.
Nicht jeder konnte ihm folgen. Nach einigen Sekunden des Nach­den­kens fragte ein Fern­seh­zu­schauer irri­tiert: »Is‘ da ​n Wai­sen­haus, oder was?«

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