Als Otto Rehhagel spätabends noch einmal an die Säbener Straße gerufen wurde, lief er ahnungslos in sein Unheil. Man mag das der Tatsache zuschreiben, dass er nicht zu den Menschen zählte, die von Selbstzweifeln geplagt sind. Etwa neun Monate zuvor waren an seinem ersten Trainingstag so viele Fans zur Anlage geströmt, dass Rehhagel sich ein Megafon gegriffen hatte, um zur Menge zu reden. Sieht man mal von der Sportkleidung ab, in der er sogar zu schlafen schien, dann wirkte er wie ein Regisseur aus der Stummfilmära, der gerade eine Massenszene dirigiert. Es schien ihm Spaß zu machen, auch wenn er vorgab, vom Rummel genervt zu sein. Als der Kader sieben Tage später sein Trainingslager in einem Kurort im Harz aufschlug, belagerten selbst dort Hunderte von Teenagern das Hotel, woraufhin der Trainer ausrief: „Ich bin doch nicht Elvis Presley!“ Der Satz unterstrich, wie unzeitgemäß und eitel Rehhagel war. Die jungen Fans konnten schließlich mit dem Namen Elvis so viel anfangen wie mit dem, der in Bremen an seinem Klingelschild gestanden hatte, also Rubens. Und sie waren nicht gekommen, um einen fast 57 Jahre alten Mann mit Boxernase zu sehen. Sie wollten vielmehr Autogramme der prominenten Neuzugänge, die das nächste Dream Team des FC Bayern München bildeten: Jürgen Klinsmann, Andreas Herzog, Thomas Strunz und Ciriaco Sforza.
Ottos Rache – 11FREUNDE
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