Schranken zwischen Franken - Deutschlands ältestes Derby – 11FREUNDE

Das Aller­hei­ligste lagert im Keller, hinter einer Schranktür: grün-weiße Fan­schals, Pullis, Mützen, Dut­zende Tri­kots. Der Hüter des Schatzes heißt Helmut Ell. Vor jedem Spiel von Greu­ther Fürth, auch vor dem frän­ki­schen Derby an diesem Samstag gegen Nürn­berg (15:30 Uhr), geht er in den Keller und wählt die opti­sche Unter­stüt­zung aus. Dabei hat Ell keine unge­hin­derte Ent­schei­dungs­frei­heit: Was er in dieser Saison bereits bei einer Nie­der­lage im Sta­dion getragen hat, ist tabu. Aber­glaube gehört bei ihm ebenso dazu wie gren­zen­lose Gefolg­schaft des hie­sigen Fuß­ball­ver­eins. Auf der Treppe nach oben, zurück in die Küche und vorbei an all den gerahmten Bil­dern alter Mann­schafts­fotos, berichtet Ell stolz, dass seine Enkelin zwar noch nicht viel spre­chen kann, ​Klee­blatt“ kommt ihr aber schon über die Lippen.

Ells Haus steht in Sack, einem Stadt­teil von Fürth, im Knob­lauch­s­land, wie sich diese Gegend in Mit­tel­franken nennt. Keine 500 Meter weiter ist die Stadt­grenze. Dort beginnt Nürn­berg. Ell sagt: ​Zum Arbeiten gehe ich dar­über, wenn ich muss. Aber sonst? Was soll ich da?“ Ell setzt sich auf seine Eck­bank, über ihm zig Bier­krüge, er arbeitet seit zwei Jahren für die ört­liche Brauerei. Ell bringt seinen Job mit nach Hause, gut aus­ge­stattet mit Bier im Keller und im Bauch, schmale Brille, lange Stirn, 51 Jahre. Er lacht viel. Ihm gegen­über: Mat­thias Schreppel, der lacht auch viel und hat noch ein paar Haare weniger als Ell, ist dafür aber zehn Jahre jünger. Auf seinem T‑Shirt: ein Klee­blatt. Seine Ober­arme sind grün täto­wiert. Schreppel führt die Fan­ver­ei­ni­gung Sport­freunde Ronhof, die Ell einst mit­ge­gründet hat. Sie ist die größte des Ver­eins. Auch Schreppel geht nur in Aus­nah­me­fällen ins rote Nürn­berg. Er sagt: ​Die behan­deln uns von oben herab.“ Ell sagt: ​Die sind gön­ner­haft. Solange wir nicht ihren Hege­mo­ni­al­an­spruch angreifen.“

Genau das aber hat Fürth getan: mit dem Auf­stieg. Die Spiel­ver­ei­ni­gung Greu­ther Fürth ist nun erst­klassig, genau wie der 1. FC Nürn­berg. Die Riva­lität der Städte zeigt sich nicht nur beim Fuß­ball, dort aber am deut­lichsten. Am Samstag wird das älteste und meist­ge­spielte Derby im deut­schen Fuß­ball erst­mals in der Bun­des­liga aus­ge­tragen, Nummer 255. Die Sta­dien sind keine 15 Kilo­meter von­ein­ander ent­fernt, doch die Bewohner der Städte trennt weit mehr als das Auto­kenn­zei­chen.

Helmut Ell nimmt einen Schluck Bier. Am Fah­nen­mast im Vor­garten wird vor Aus­wärts­fahrten das Klee­blatt gehisst, das Ver­eins­wappen. ​Immer, wenn ich auf Tour bin für meine Jungs.“ Ell blickt nach Box­dorf, drüben, hinter dem Acker. Das ist Nürn­berg. ​Die sind genauso Pro­vinz wie wir“, sagt Ell. ​Nur werden die Nürn­berger damit nicht fertig, die wollen mehr sein. Wir können damit locker leben.“

In den Chro­niken kann man weit zurück­blät­tern und ent­deckt Unter­schiede, die auch heute noch erzählt werden. Fürth ist einige Jahr­zehnte älter, erst­mals schrift­lich erwähnt 1007. Fürth galt immer als etwas frei­heit­li­cher, libe­raler, hatte nie eine Stadt­mauer. Nürn­berg dagegen war eine Reichs­stadt, der Kaiser errich­tete hier seine Resi­denz. Stadt­mauern, Fes­tungs­bauten prägten das Bild der Stadt. Fürths Ober­bür­ger­meister Thomas Jung sagt dazu: ​Die Nürn­berger haben dadurch sicher­lich ein anderes Selbst­be­wusst­sein. Bei einigen schlägt das dann auch mal in Über­heb­lich­keit um.“ Jungs Nürn­berger Kol­lege Ulrich Maly sieht das berufs­be­dingt anders. ​Als großer Bruder steht man auto­ma­tisch unter Impe­ria­lis­mus­ver­dacht, ich glaube, es hat sich eine beid­sei­tige Hass­liebe ent­wi­ckelt.“ Eine halbe Mil­lion Ein­wohner hat Nürn­berg, Fürth nur etwa ein Viertel davon.

Die Kräf­te­ver­hält­nisse wech­selten in den Jahr­hun­derten, die Riva­lität aber wuchs. 1835 fuhr die erste Eisen­bahn Deutsch­lands zwi­schen Nürn­berg und Fürth, die wenig später errich­tete Nord-Süd-Bahn lief aller­dings um Fürth herum, angeb­lich auch auf Druck von Nürn­berger Amts­trä­gern.

Der heu­tige Grenz­ver­lauf sieht aus, wie von Zorro in die Land­schaft gefochten, ein Zick­zack-Kurs. Gäbe es die Orts­schilder nicht – nie­mand würde den Über­tritt in die andere Stadt merken. Denn nicht nur aus der Luft betrachtet sind Nürn­berg und Fürth längst ver­schmolzen. Auch am Boden lässt sich nicht aus­ma­chen, welche Post­leit­zahl zu wählen ist. Und doch gibt es sie, die Puf­fer­zone, neu­trales Gebiet in Form einer Stra­ßen­kreu­zung. Fährt man von Süden darauf zu, geht es links nach Fürth, rechts nach Nürn­berg. Aus Für­ther Rich­tung fährt man auf der Nürn­berger Straße, von anderer Seite auf der Für­ther Straße.

Hier ist auch der U‑Bahnhof ​Stadt­grenze“ – er heißt wirk­lich so. Ein Sieb­ziger-Jahre-Bau aus Stahl und Milch­glas. Die Linie 1 ver­bindet die Städte, die Namens­ge­bung der Hal­te­stelle war angeb­lich als War­nung gedacht: Ach­tung, Sie ver­lassen den Ihnen bekannten Sektor. Dimi Ntokos ist einer der Fahrer dieser U‑Bahn – und damit etwas Beson­deres in der Region: An Arbeits­tagen pas­siert er 16-mal die Grenze. Ntokos sagt: ​Ich mag beide Städte, habe meine ersten 18 Jahre in Fürth gewohnt, lebe nun seit 21 Jahren in Nürn­berg.“ Es gebe schon klei­nere, nicht ganz ernst gemeinte Nicke­lig­keiten in der Bahn, sagt Ntokos. Bei­spiels­weise, wenn an besagter Sta­tion Fahr­gäste nach den Rei­se­pässen der anderen fragen. Was ihn wirk­lich nervt, sind die Auf­kleber mit Ver­eins­wappen. Immer wieder werden sie in der Bahn vom Rivalen über­klebt, klas­si­sches Revier­ver­halten.

Süd­lich der Stadt­grenze steht eine Brauerei. Vor zwei Jahren wurde der Neubau fer­tig­ge­stellt, seither arbeitet auch Helmut Ell für Tucher Bräu. Hier wird Für­ther und Nürn­berger Bier gebraut, zwei Sorten für die Grünen, zwei für die Roten, schön aus­ge­wogen. Errichtet ist das Gebäude exakt auf der Stadt­grenze, die Nürn­berger Kessel auf Nürn­bergs Seite, die Für­ther auf Fürths. Für Ell nur logisch: ​Wenn sie die Brauerei nach Nürn­berg gestellt hätten, würde kein Für­ther das Bier trinken. Umge­kehrt genauso.“ Was man in der Brauerei nicht auf­teilen konnte, war der Park­platz, er steht auf Nürn­berger Seite. Die Folge: Die Dienst­wagen tragen ein N auf dem Kenn­zei­chen. Ein echtes Pro­blem für Ell, der sich aber zu helfen wusste. ​Das Erste, was ich gemacht habe, als ich vom Park­platz runter bin: ein Klee­blatt neben das Num­mern­schild geklebt. Ist ja klar.“ Mat­thias Schlepper nickt zustim­mend.

Beide leben seit ihrer Kind­heit den Klee­blatt-Kult, den Ursprung der fuß­bal­le­ri­schen Feind­se­lig­keiten zu Nürn­berg konnten sie trotzdem nicht mit­er­leben. Es war in den 1920er Jahren, als sich die gewach­senen Ani­mo­si­täten auch im Sport zeigten. Fürth wurde in diesem Jahr­zehnt zweimal Deut­scher Meister, Nürn­berg fünfmal. Bei einem Spiel der deut­schen Natio­nal­mann­schaft 1924 gegen die Nie­der­lande standen nur Spieler aus diesen Ver­einen auf dem Platz. Die Reise nach Ams­terdam aber absol­vierten sie in ver­schie­denen Zug­wag­gons. Und als ein Für­ther den 1:0‑Siegtreffer erzielte, da jubelte kein Nürn­berger.

In der jün­geren Ver­gan­gen­heit wurde die Stim­mung aggres­siver, im Oktober ver­suchte ein Nürn­berger Hoo­ligan-Mob, das Ron­hofer Ver­eins­heim zu stürmen. ​Das gelang nicht“, erzählt Schreppel, mehr will er dazu aber nicht sagen. ​Inzwi­schen kannst du bei einigen, vor allem jün­geren Nürn­berg-Fans, keinen iro­ni­schen Spruch mehr bringen“, sagt Ell. ​Dann kriegst du gleich iro­nisch auf die Fresse.“ Dass längst nicht alle so sind – diese Fest­stel­lung ist beiden wichtig. Stun­den­lang reden sie über Grünes und Rotes: Zwei Fuß­ball­fans, die ihre Stadt und ihren Verein bedin­gungslos ver­ehren, die keine rote Klei­dung in ihren Schränken haben. ​Dass wir und die Nürn­berger so unter­schied­lich sind, ist kaum erklärbar“, sagt Schreppel. Und Ell ergänzt: ​Wir Franken sind schon komisch.“

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