Es ist eine schöne Sache, dass man auch im fortgeschrittenen Alter immer noch dazulernt. Weshalb ich mich bei Marco Reus zunächst einmal dafür bedanken möchte, dass er mir geholfen hat, mit 70 Jahren noch eine falsche Grundannahme endgültig zu korrigieren. Ich bin nämlich immer davon ausgegangen, dass sich so modebewusste junge Männer wie er, die sich nebenbei scheinbar noch als Friseurmodels betätigen, nicht richtig auf Fußball konzentrieren könnten. Doch nun ist Marco an dieser Stelle sogar schon zum zweiten Mal zum „Spieler des Jahres“ gewählt worden. Offensichtlich spielen Frisuren also für die Ernsthaftigkeit eines Profis keine Rolle.
Ein grundsolider Profi, der nie auf den Putz haut
Marco hatte schon bei seiner ersten Wahl 2012 eine phantastische Saison bei meinem Klub Borussia Mönchengladbach gespielt und entscheidend dazu beigetragen, dass wir uns endlich wieder für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren konnten. Wir waren natürlich nicht sehr glücklich, dass er uns danach verließ, um bei Borussia Dortmund zu spielen. Für mich war der Wechsel damals aber folgerichtig, weil Marco dort um die Meisterschaft und in der Champions League spielen konnte. Bei einem solchen Schritt weiß man allerdings nie, was der Kopf von einem solchen Jungen hergibt. Damit meine ich nicht, ob er klug oder dumm ist, sondern, ob er stark genug ist, mit den wachsenden Erwartungen klarzukommen. Genau das ist Marco überragend gelungen, nicht zuletzt, weil er ein grundsolider Profi ist, der nie auf den Putz gehauen hat.
Als Spieler ist er sowieso über alle Zweifel erhaben. Jeder Fußballliebhaber muss ihn einfach gerne haben, weil er unglaublich leichtfüßig, schnell und spielbegabt ist. Dazu kommt noch seine Torgefährlichkeit. Jeder Trainer weiß, dass man so einen Spieler immer einbauen kann, selbst wenn er bei gegnerischem Ballbesitz alle Fünfe gerade sein lässt. Nur, das Fantastische ist: Genau das tut Marco nicht, sondern er macht bei Ballverlust gut mit. Das macht ihn zu einem Spieler, wie ihn sich ein Trainer nur wünschen kann.
Vor allem in der Rückrunde der vergangenen Saison hat Marco für Borussia Dortmund in der Bundesliga, aber auch in der Champions League überragende Spiele gemacht. Er hat dabei von einem Positionswechsel profitiert, wie ihn bereits Lucien Favre in Gladbach vollzogen hatte. Für mich ist Marco dann besonders stark, wenn er sich als hängende Spitze aus dem Mittelfeld kommend aussuchen kann, wann er die Tiefe anläuft. Dass er in Dortmund nicht gleich dort gespielt hat, lässt sich dadurch erklären, dass der BVB dort besser besetzt ist als es Borussia Mönchengladbach damals war. Marco, das hat man jetzt erneut gesehen, blüht auf dieser Position regelrecht auf. Das belegt auch, was für ein überragender Spieler er ist. Denn im Zentrum ist das Spiel viel anspruchsvoller, weil man dort mehr Verantwortung übernehmen muss. Doch genau dazu ist er in der Lage, und mit seiner Schnelligkeit, seinen Stärken im Passspiel, im Dribbling und seinen strategischen Fähigkeiten ist er für jedes Team Gold wert.
Er misst sich mit Ronaldo – gut so!
Mit Interesse habe ich gehört, dass Marco zuletzt gesagt hat, dass er für seine Entwicklung „keine Grenzen“ sieht und sich auch an absoluten Weltklassespielern wie Cristiano Ronaldo misst. Manch einer mag das für großspurig gehalten haben, ich nicht. Wenn solche Äußerung wirklich von innen kommt und nicht von irgendwelchen Einflüsterern, wovon ich bei ihm ausgehe, sind sie Ausdruck eines gesunden Selbstbewusstseins, sich mit den Allerbesten messen zu wollen. Außerdem hat er sich in den letzten Jahren so sehr weiterentwickelt, dass er von der absoluten Spitze gar nicht so weit entfernt ist.
Marco ist mit 25 Jahren nun genau in dem Alter, wo die Gesellenzeit eines Fußballers vorbei ist. Er hat in Dortmund mittlerweile eine Meisterschaft gewonnen, das Finale der Champions League erreicht, und er hat sich in der Nationalmannschaft fest etabliert. Wenn alles normal verläuft, liegen seine besten Jahre aber noch vor ihm. Sollte er sich also nicht verletzen und von privaten Schicksalsschlägen verschont bleiben, was ich ihm von ganzem Herzen wünsche, würde ich mich nicht darüber wundern, wenn er an dieser Stelle noch weitere Male zum „Spieler des Jahres“ gewählt würde. Aber nach vielen Jahren im Fußball weiß ich auch, dass man sich immer über das freuen sollte, was man gerade erreicht hat, weil diese Momente so kurz und flüchtig sind. Deshalb gratuliere ich Marco Reus zu dieser absolut verdienten Wahl.