Dieser Text erschien in unserem neuen Heft #265, das ihr euch am Kiosk oder hier im 11FREUNDE Shop holen könnt.
Als die Deutsche Fußball-Liga entschied, die Spiele der ersten Bundesliga ab der Saison 2017/18 vom „Video Assistant Referee“ (VAR) begleiten und Entscheidungen der Schiedsrichter vom Kölner Keller überprüfen zu lassen, waren damit große Hoffnungen verbunden. Fehlentscheidungen sollten deutlich reduziert und die Unparteiischen entlastet werden. Die zuvor vielstimmige Kritik an den Referees sollte endlich verstummen. Keine „Tomatenanfälle“ mehr bei der „Bild-Zeitung“, keine Schmähgesänge mehr von den Rängen. Die Projektverantwortlichen bei der DFL konnten ihren Stolz nicht verbergen, zu den ersten Ligen überhaupt zu gehören, die fortan mit Videokameras das Spielfeld überwachen würden. Endlich war die Bundesliga mal vorne dran.
Heute, sechs Jahre später, haben sich diese hochfliegenden Erwartungen nicht einmal ansatzweise erfüllt. Stattdessen vergeht kaum ein Wochenende, an dem nicht Funktionäre, Spieler und Zuschauer erbitterte Kritik am Zusammenspiel zwischen den Unparteiischen und den Supervisoren im Kölner Keller üben. Der Ton der Diskussion ist dabei zunehmend unversöhnlich und die Kritik breitgefächert. Der Frust der Zuschauer, ein ums andere Mal umsonst zu jubeln, um dann nach schier endlosem Rätselraten und dramatischer Kastengeste des Schiedsrichter das Tor aberkannt zu bekommen, verdirbt jeden Spaß und sorgt verlässlich für immer mehr Fans in den Arenen, die in den Choral der Kurven einstimmen: „Ihr macht unseren Sport kaputt!“ Und mindestens ebenso genervt sind die Spieler, für die der Videobeweis statt Rechtssicherheit maximale Verunsicherung im Gepäck hatte. Was ein Foulspiel ist und wann ein Handspiel gepfiffen wird, ändert sich von Platz zu Platz und von Spieltag zu Spieltag.
Warten auf die Entscheidung des VAR ist jedes Mal ein nerviges Geduldsspiel in den Stadien.
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Allen gemein wiederum ist der Ärger über die ausufernde Zahl der Interventionen. War ursprünglich mal versichert worden, der VAR werde sich wirklich nur bei eklatanten Fehlentscheidungen zu Wort melden und dann auch nur dem Schiedsrichter hilfreich zur Hand gehen, anstatt ihn zu gängeln, gerierte sich der Kölner Keller alsbald als strenger Supervisor, der sich bereits bei Kleinstvergehen via Funk zu Wort meldete.
Der anschwellende Klagegesang nahezu sämtlicher Akteure prallte jedoch an den Verantwortlichen für das, by the way, sündhaft teure Projekt bislang nahezu komplett ab. Leiter Jochen Drees flüchtet sich seit Jahren in erratische Lobeshymnen. Mal ist der VAR „positiver als in den Medien und der Öffentlichkeit oftmals dargestellt“ (2020), mal „ein Erfolgsmodell (2022) mal „auf einem guten Weg“ (2018). Drees kann zur Untermauerung dieser steilen These beeindruckende verbandseigene Statistiken hervorzaubern, die die segensreiche Wirkung durch verhinderte Fehlentscheidungen belegen können. Dem Kern des inzwischen massiven Problems mit dem VAR kommt er damit nicht näher. Das liegt nämlich in der offenkundigen und trotzdem von den Verantwortlichen eisern geleugneten Scheinobjektivität, die vielen Entscheidungen des VAR zugrunde liegt. Wenn es nämlich eine prägende Erfahrung der letzten sechs Jahre mit dem Kölner Keller gibt, dann die, dass es unzählige Situationen auf dem Rasen gibt, die sich einer Schwarz-Weiß-Entscheidung entziehen. Auf die Fragen „Foul oder kein Foul?“ und „Handspiel oder keins?“ gibt es allzu oft keine klare Entweder-oder-Antwort, sondern nur einen vagen Konjunktiv, eine Wahrscheinlichkeit – und zu welcher Seite sich das Pendel neigt, ist von der sehr subjektiven Wahrnehmung des Betrachters im Kölner Keller abhängig.