Wodka, keine Seele - Dienstagskolumne: Besuch in der… – 11FREUNDE

Die 11FREUNDE-Diens­tags­ko­lumne: Jede Woche machen sich Lucas Vogel­sang, Frank Will­mann, Titus Chalk und Frank Baade im Wechsel Gedanken über den Fuß­ball, die Bun­des­liga und was sonst noch so pas­siert. Wenn unser heu­tiger Kolum­nist Lucas Vogel­sang nicht gerade für uns unter­wegs ist, schreibt er für den Tages­spiegel, textet für Thea­ter­stücke oder fla­niert beseelt durch Berlin.

Der gefühlte Abstieg hatte an diesem Abend 40 Volu­men­pro­zent. Klare Sache. Absolut. 1:2 gegen den SC Frei­burg, zuhause, mit einer Mann­schaft, so see­lenlos, dass sie nicht mal der Teufel holen würde, wäre er nicht eben­falls längst unter­wegs in Rich­tung Zweite Liga. Das war’s. Da gab es, zumin­dest für H. und mich, keinen Zweifel. Auch des­halb saßen wir, zwei Stunden nach dem Abpfiff, noch immer im Bauch des Ber­liner Olym­pia­sta­dions, wie para­ly­siert auf zwei Bar­stühlen an einem langen Tresen. Um uns herum: Nichts als Abstiegs­ge­spenster. Die große Trost­lo­sig­keit. Was zum einen natür­lich am Spiel selbst lag, an dieser Saison ohne Höhe­punkte, an der Haupt­stadt­tris­tesse, an Michael Preetz. Zum anderen aber auch an der Kulisse für dieses Trau­er­spiel.
Denn anders als sonst hatte uns der Abpfiff nicht aus dem Sta­dion getrieben, raus auf die Ter­rassen, oder direkt in die S‑Bahn, um mit Zehn­tau­send anderen den sprach­losen Heimweg der Des­il­lu­sio­nierten anzu­treten. Statt­dessen hingen wir in der Säu­len­halle der DB-Lounge, zusammen mit ein paar Übrig­ge­blie­benen, die von echten Hertha-Fans so weit ent­fernt waren wie Otto Reh­hagel von modernem Fuß­ball.

Wach­teln an Hai­fisch in Aspik

Auf einem der sieb­zehn Flat­screens an den hohen Wänden liefen, wie zum Hohn, noch einmal die High­lights des Spiels, am Neben­tisch wurde der Mit­ter­nachts­snack ein­ge­nommen: Kanin­chen gefüllt mit klei­nerem Kanin­chen, oder Wach­teln an Hai­fisch in Aspik, genau konnte ich das nicht sagen. Dazu gab es Weiß­wein. Und ich begann mich zu fragen, was das alles sollte, wie wir eigent­lich hier gelandet waren.

Es hatte ja alles wun­derbar launig begonnen. Mit einem Anruf von H., einem dieser Freunde von früher, die ich schon kannte, als Hertha BSC noch in der Cham­pions League gespielt hat. Er ist ein sehr alter Freund. H. hatte Karten für die DB-Lounge orga­ni­siert. Und das hörte sich gar nicht so schlecht an. Beheizte Sitz­schalen, Schampus und Scampi satt, dazu Hos­tes­sen­bal­lett und even­tuell sogar ein Meet-and-Greet mit Axel Kruse oder anderen Kiez­größen.

Ich weiß nicht genau, wie H. an diese Karten gekommen war. Aber ich glaube, dass er einen kennt, der einen kennt, der mal einen getroffen hat, der auf einer Grill­party von Hugh Hefner war. H. hat da so Kon­takte. ​In die Indus­trie“, wie er sagt. Zumin­dest das mit den Kiez­größen war also gar nicht so abwegig. Es hätte dem­nach ein großer Abend werden können. Nur hatte ich ver­gessen, wie weit Schein und Wirk­lich­keit im Olym­pia­sta­dion immer wieder aus­ein­ander klaffen. Nicht nur auf dem Spiel­feld.

Rach von RTL hätte zu weinen begonnen

Denn die DB-Lounge hatte so gar nichts von der deka­denten Hüpf­burg für den Eventfan, der ja als Schal nie die Ver­eins­farben, son­dern immer gleich, Strauss inno­vativ, Bur­berry trägt. Hohe, schmuck­lose Decken, Tische, her­ge­richtet wie für eine unsicht­bare Hoch­zeits­ge­sell­schaft, als Deko ein paar Hertha-Fähn­chen. Mehr zweit­klas­siger Hades als para­die­si­scher Exklu­siv­be­reich. Wenn dieser Rach von RTL jetzt zufällig vorbei gekommen wäre, er hätte zu weinen begonnen.

Am Emp­fangs­schalter begrüßte uns immerhin eine Armada Hos­tessen, beige­far­bene Uni­formen, Hos­tes­sen­lä­cheln, die ganz offen­sicht­lich von Heidi Klums Vor­cas­ting ohne Umwege ins Olym­pia­sta­dion über­führt worden war. Die übliche Ver­wer­tungs­kette des Super­star-Ver­spre­chens.

H. und mir aber war das inso­fern egal, weil wir gar nicht vor­hatten, hier länger als nötig zu bleiben. Der Plan war klar: Direkt an die Bar, ein paar Drinks bestellen, noch ein paar Drinks bestellen und dann raus auf die Tri­büne, um den Abstiegs­kampf durch einen sanften Schleier des unteren Pro­mil­le­be­reichs zu ver­folgen.

An der Bar aber: Der erste Rück­schlag. Keine Drinks, nur Bier. Da war das Spiel, zwanzig Minuten vor Hub­niks Eigentor, irgendwie schon gelaufen. H. jeden­falls stand etwas ungläubig vor dem Bar­keeper, der, das nur nebenbei erwähnt, die kür­zestes Kra­watte der Welt trug, und ver­suchte es noch mal, die Worte sehr langsam for­mend, als hätte ihn der Junge hinter dem Tresen zuvor ein­fach nur nicht richtig ver­standen: ​Lond­rinks?“ Kopf­schüt­teln. Okay, das muss man H. lassen, er ist ein­fach nicht der Typ, der gleich auf­gibt: ​Aber ihr habt Fut­schi.“ Nun schaute ihn der Bar­keeper an, als hätte er ihn tat­säch­lich nicht ver­standen: ​Was ist das?“

Fut­schi? Bil­liger Wein­brand und Cola!

H. ent­glitten kurz­zeitig die Gesichts­züge. Nun muss man dazu wissen, dass Fut­schi so etwas wie das Natio­nal­ge­tränk der Hertha-Fans ist. Das Rezept ist denkbar ein­fach und wird an dieser Stelle im exakten Wort­laut von H. noch einmal wieder gegeben. H., zum Bar­keeper, überaus sach­li­cher Jean-Pütz-Ton: ​Fut­schi ist eine Mischung aus dem bil­ligsten Wein­brand, am besten Gold­krone von der Tanke und Cola. Kann auch gerne River­cola sein. Im Ide­al­fall in einem 1:1‑Verhältnis.“ Nee, sorry, so was gibt es hier nicht. Da war nichts zu machen. Also zwei Bier zum Mit­nehmen, im Plas­tik­be­cher.

In Rich­tung Tri­büne: Selbes Lächeln, selbe Uni­formen. Super Plätze links von der Ehren­loge. Nur eben kein Super­spiel. Die fol­genden 72 Minuten sind dann auch schnell zusam­men­ge­fasst. Eigentor Hubnik, Halb­zeit­pause, Tor von Freis. Danke, genug gesehen. Jetzt hätten wir auch eigent­lich gehen können. Raus auf die Ter­rassen, draußen den Abstiegs­frust, Trauer und Trotz im 1:1‑Mischverhältnis, in Fut­schi ertränken. Aber kurz vor dem Aus­gang sagte H. noch eines dieser ver­häng­nis­vollen Worte, die immer so harmlos klingen, meist dann aber doch der Auf­takt zum großen Abriss sind: Weg­bier. Klar, Weg­bier.

Also setzten wir uns wieder an die Bar, zur kür­zesten Kra­watte der Welt. Zwei Bier später lief das Spiel, zusam­men­ge­schnitten, ton­lose End­los­schleife, auf den unge­fähr sieb­zehn Flat­screens. Am Neben­tisch: Weiß­wein. Und mit Wachtel gefülltes Kanin­chen. Wie schon erwähnt: Nichts als Abstiegs­ge­spenster.

Doch plötz­lich waren wir nicht mehr allein. Zwi­schen uns, und ich habe tat­säch­lich keine Ahnung, wie er da hin­ge­kommen war, saß plötz­lich ein Typ mit gelbem Staub­mantel und Her­tha­schal um den Hals. Seine Phy­sio­gnomie eine erschüt­ternde Hellboy-Rem­nis­zenz. Die Augen aber: Her­thaf­an­traurig. Mit seiner rechten Hand umklam­merte er ein Bier­glas. Und sagte immer wieder: ​Dieser Preetz.“ Fast rotzte er den Namen auf den Boden. Dieser Preetz. Dann, unver­mit­telt, schlug er mir seine Pranke zwi­schen die Schul­ter­blätter: ​Ich kenn dich doch, du Arsch­loch!“ Großes, mark­erschüt­terndes Hellboy-Lachen. Da hatte ich jetzt schließ­lich mein Kiez­größen-Erlebnis. Wieder Pranke, diesmal als Schraub­stock um den Hals. Er hatte mich also erkannt, dachte er zumin­dest: ​Du Arsch­loch, du bist doch hier einer von diesen Schau­spie­lern. Sat1, Gute Zeiten, schlechte Zeiten, hier. DSDS!“ Genau.

H. hatte der­weil, um sein Fut­schi-Trauma zu bewäl­tigen, an der Bar eine Liter­fla­sche Wodka gekauft. Ein­fach so: ​Auf den Abstieg!“ Er füllte drei Gläser, reichte je eins an mich und den Hellboy-Typen, der aber abwinkte: ​Ich trinke keine harten Sachen.“ Dafür aber schlug er jetzt H. auf den Rücken, du Arsch­loch. Längst hatten sich einige Hos­tessen von gäh­nender Lan­ge­weile getrieben, in unmit­tel­barer Nähe ver­sam­melt.

Es wäre besser, wenn Sie jetzt gehen“

H. wollte sie nun teil­haben lassen, am Schmerz, am bit­teren Abstiegs­kummer, wollte einen aus­geben. Geteiltes Leid, man kennt das ja. Aber die Hos­tessen lächelten nur. Was ging sie das an, das hier war nur ein Job. Morgen früh ist wieder Cas­ting­zeit. Dafür aber reagierte der Secu­rity-Chef auf unsere Ein­la­dung, ein Heino-Ferch-Double mit Knopf im Ohr: ​Es wäre besser, wenn Sie jetzt gehen.“ Er meinte tat­säch­lich uns. 

Denn erst da fiel mir auf, dass der Hellboy-Her­thaner ver­schwunden war, und mit ihm die Fla­sche Wodka, die er sich noch schnell unter seinen Staub­mantel geklemmt haben musste. Zurück blieb der leere Platz zwi­schen mir und H. Kein Fut­schi, kein Wodka, keine Seele. Ein Ort wie ein Abstieg. Das war’s. Daran gab es keinen Zweifel.

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